Christen – empört euch!

medisKurz vor 19 Uhr, Zeit für die Fernsehnachrichten. Normalerweise schaue ich aufgrund meiner Arbeitszeiten eher die ausführlichen Nachrichten in den Öffentlich-Rechtlichen und da bleibt mir dann das erspart, was ich nun mit erleben muss. Zehn Minuten Werbung. Nun liebe ich Werbung. Ich bin schon als Jugendlicher in die sogenannte Cannes-Rolle gegangen, die einmal pro Jahr in den Programmkinos lief und läuft und die besten und prämierten Werbungen der Welt zeigt. Werbungen sind ein Spiegel der Gesellschaft und gleichzeitig formen sie dieselbe und das oft mit Gefühl, Humor und einem hohen Maß an Kreativität.

Wenn das aber so ist, wird mit bei den Werbungen vor den Nachrichten angst und bange. Zehn Minuten lang Werbung für Medikamente. Prostataschwäche. Kopfschmerz. Knieprobleme. Vergesslichkeit. Vitamin hier, Vitamin da. Doch! Eine Ausnahme: Eine Gewinnspiellotterie, die 1000€ Sofortrente über 10 Jahre verspricht. Zielgruppe hier wie da: Senioren oder die, die kurz davor stehen. Ich fühlte mich bereits zu Anfang der Nachrichten um Jahre gealtert nach diesem Dauerwerbebombardement der pharmazeutischen Unternehmen. Nun sind die nicht dumm. Sie untersuchen Zielgruppen. Und diese Untersuchungen zeigen: Junge Leute schauen keine Nachrichten. Sie informieren sich bestenfalls bröckchenweise über die sozialen Medien. Ob die allerdings eine halbwegs objektive Themenauswahl bieten? Auch Tageszeitungen der Oberklasse haben im Verhältnis zur Bevölkerungszahl eine wie ich finde erschreckend geringe Auflage. Die Blöd-Presse dagegen hält sich tapfer auf hohem Niveau. Hochwertige Nachrichten? Eher nicht.

Ich gestehe: Mich macht das wütend! Ich will mich nicht damit abfinden und spreche jüngere Menschen darauf an, wann immer es sich anbietet. Mich piekst das Desinteresse und das innere Schulterzucken nach der Masche: Man kann doch eh nichts ändern! Von wegen! 2010 hat der ehemalige französische Widerstandskämpfer und UN-Diplomat Stéphane Hessel einen bemerkenswerten Essay veröffentlicht: Empört euch! 93 Jahre alt war Hessel zu diesem Zeitpunkt und prangert in seiner Schrift an, was schief geht in dieser Welt und ruft zu Empörung auf! Entgegen soviel Resignation und Gleichgültigkeit. Millionenfach ist dieses Essay verkauft und herunter geladen worden. Nichts anderes wünsche ich mir aus meinem christlichen Glauben heraus. Die Entwicklung der Gesellschaft wach wahrnehmen und aus Gottes Perspektive versuchen zu betrachten – das war die Aufgabe aller Propheten der Bibel. Sie waren relevant! Sie waren dem Zeitgeschehen genauso verpflichtet wie der Heiligen Schrift und dem Lauschen auf Gottes leises Reden. Und so machten sie den Mund auf! Empörten sich. Weil Gott empört ist, wenn Menschen ungerecht behandelt werden, klein gemacht werden, entwürdigt werden. Wenn Geld über den Menschen steht und nicht mehr den Menschen dient. Und vieles mehr.

Einer der großen evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth, hat dazu einen herrlichen Satz formuliert: Wie man beten soll, das steht in der Bibel; und was man beten soll, da steht in der Zeitung. – links die Bibel, rechts die Nachrichten. So gehört es sich für einen Christen und dazu ruft selbst die Offenbarung, das letzte Buch der Bibel auf. Zeichen der Zeit wahrzunehmen und richtig zu deuten. Das geht nicht im Rückzug ins Private! Und natürlich kenne ich auch den inneren Satz: Ich kann es doch nicht ändern. Ich allein. Meine kleine Kraft. Diesen inneren Satz sollte niemand mehr sagen, der die Kraft einer Mücke nachts im Schlafzimmer erlebt hat. Wie ein kleines Insekt einen ganzen Menschen bei Laune hält. Also: Die Weltgeschichte ist voll von Menschen, die die Welt verändert haben. Normale Menschen. Jesus war auch so einer. Und so war seine Botschaft. Ein Gebet kann einen Berg versetzen. Das Kleine hat positive gestalterische Macht. Nutzen wir sie – damit die anderen mit der negativen, zerstörerischen Macht nicht die Oberhand behalten. Christen empört euch. Leidenschaftlich. Im Gebet. Und im Leben. Da wo Gott sich empört. Empört euch mit liebender, sanfter, manchmal zorniger Leidenschaft!

Advertisements