Immer mehr von dir – von der Gier nach geistlicher Erfahrung

kaviarImmer wieder beobachte ich es in der christlichen Szene, auch bei mir im Herzen: Die Sehnsucht nach mehr geistlichen Erfahrungen. Am besten: nach übernatürlichen geistlichen Erfahrungen. Die Frage ist hier schon erlaubt: gibt es „natürliche“ geistliche Erfahrungen? Ist die Dankbarkeit eines alten Menschen nach einem Besuch, den man im Namen Jesu umbetet und durchgeführt hat, weniger übernatürlich? Aber natürlich ist klar, was da Sehnsucht entfacht: übernatürliche Erfahrungen, die sich nicht natürlich erklären lassen. Sprich: Heilung, Prophetie und vieles mehr.

Nun ist die Sehnsucht danach gut und wichtig – ich selbst predige sie, erwarte sie. Gott soll sein Reich bauen und ich wünsche mir, daran teilzuhaben und ihn handeln zu sehen – auch durch mich. Paulus ermutigt uns dazu, die prophetische Gabe zu fördern, weil sie so wichtig ist für die christliche Gemeinde. Sehnsucht nach übernatürlicher Erfahrung? Das ist gut! Warum schreibe ich dann hier?

Ich sehe 4 Gefahren und habe erlebt, wie Menschen daran fast zerbrochen sind:

  1. Übernatürliche Erfahrung wird gerne aufs ICH bezogen. Ich will eine Erfahrung machen. Gott und ich – nicht Gott und wir oder Gott und du.
  2. Zweitens scheint mir hinter mancher Sehnsucht auch eine Sehnsucht nach einem verkappten Gottesbeweis zu stecken: Erlebe ich etwas nicht erklärbares – dann weiß ich wirklich und endlich, dass ER existiert. Problem: das hat im NT schon nicht funktioniert. Durch Wunder kommen Menschen nicht von selbst zum Glauben – sondern da wo das Reich wächst und mein Vertrauen, geschehen Wunder.
  3. Ein drittes: Die Sehnsucht nach dem Übernatürlichen muss geerdet und balanciert sein mit handfestem Anpacken und Gehorsam in kleinen, unscheinbaren Dingen, das erlebe ich hier gerade im „Osten“. Der Besuch bei der alten Dame im Altenheim. Die Seelsorge am Zerbrochenen. Da wo das Schwache und Zerbrochene und auch der Bruch im Leben anderer im theologischen Konzept mehr und mehr stört und alles super sein muss – da läuft etwas mächtig schief. Manches Ausstrecken nach dem Übernatürlich hat etwas von Luxustheologie und Selbstbefriedigung – wenn sie nicht einher geht mit Sehnsucht nach unscheinbarem Dienst am Kleinen, Schwachen, Zerbrochenen.
  4. Noch ein Problem hat die Fixierung auf die übernatürliche Erfahrung: Da wo sie ausbleibt und nicht mehr „machbar“ ist, wo der abwesende Gott einen solchen Menschen durch seine vermeintliche Abwesenheit dazu bewegen möchte, sich mehr um ihn als Gott als um seine Gaben und Erfahrungen zu drehen – da ist der Glaube akut bedroht. Ich beobachte das immer wieder im Gespräch mit pfingstlichen Geschwistern… wenn die Schraube der Erwartung immer mehr angedreht werden muss… und die Erfahrungen ausbleiben.. Zerbruch passiert… dann wird es gefährlich.

Kurz: Sehnsucht? Wunderbar. Parallel dazu Erdung. Die Menschen da draußen suchen nicht zuerst große geistliche Erfahrungen – sie suchen Anschluß, Geborgenheit, heilsame Begegnung mit Menschen und vor allem mit Jesus. Ich bin der Überzeugung: Wer dient, auf Jesus schaut und dem Zerbrochenen in sich und im Anderen in die Augen schaut – und seine Sehnsucht nach mehr von Jesus pflegt, der wird geerdet MEHR erfahren.

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