Sei ein Roter Delicious – keine Pink Lady!

image„Da haben sie einen halben Berg voll junger Apfelbäume und die müssen dann einfach weg! Ratzekahl abgeholzt und neue gepflanzt! Nur weils nicht mehr passt!“ Empört presst Bernward diese Worte aus seinem Mund, der so viele herrliche und bunte Geschichten zu erzählen weiß, wie sein gebräuntes und von der Natur gegerbtes Gesicht verspricht. Ich sitze mit meinen Kindern nach einem schwülheißen Tag bei einem Aperol bzw. einem Holundersprudel auf der Barterrasse mitten im schönsten Südtirol in der Abendfrische und lausche den Worten dieses Mannes, der so bereitwillig jeden Abend einfach stehen bleibt und faszinierend erzählt. Meine Frage war am Anfang eine ganz einfache gewesen: „Warum verschwinden eigentlich die alten Südtiroler Apfelsorten und selbst hier werden Modesorten wie Pink Lady angebaut?“ Die Antwort darauf war lapidar: „Damit die Bauern leben können, die anderen kauft kaum einer!“ Immer schneller ginge das. Da ist ein neuer Modeapfel gepflanzt und wenn er nach ein paar Jahren nicht mehr in Mode ist? Weg damit, abholzen. Ganzen Hängen geht das so. Immer jünger würden die Pflanzen, keine Bäume mehr. Mühsam müssten die hochgezüchteten Pflänzchen schon mit ein, zwei Jahren schwere Äpfel tragen und profitabel sein. Die oberen Äste festgebunden an Leinen, damit sie nicht unter zu frühen Last zusammen brechen. Und die Folge? Entrüstet macht Bernward eine effektvolle Pause. „Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen: Ein Sturm oder Hagelschauer im Sommer und der Hang ist platt. Alles kaputt. Und dann kriegen sie nur noch ein, zwei Cent das Kilo.“

Nachdenklich sauge ich am Strohhalm in meinem Aperol. Bernward kommt mit Tischnachbarn ins Gespräch, doch in mir rattert es weiter. Noch einige Stunden lang. Genau das passiert, wenn kein solides Fundament da ist, sondern jedem neuen Trend nachgejagd werden muss. Wechselt der Trend, muss innerlich abgeholzt werden. Wie muss ich jetzt sein, um anzukommen? Um anerkannt zu sein, erfolgreich? Was ist „dran“? Mir scheint, dass Männer in dieser Beziehung heute fast unsicherer sind als Frauen. Wer bin ich? Was macht mich im Kern aus? Solche Fragen werden unter einem Wust neuer Trends und der Geschäftigkeit des Hinterherjagens vermeintlich beantwortet, aber eigentlich nur erstickt. Dann kommt ein Hagelschauer des „Schicksals“ oder ein Lebenssturm und alles knickt ein. Keine Wurzeln. Keine innere Kraft und Stabilität. Dabei müssen wir Menschen in den westlichen Gesellschaften immer früher funktionieren und Frucht bringen. Leisten. Mehr hinein kriegen in immer jüngere Köpfe. Doch es fehlen Fundament und Wurzeln, um gleich zwei Bilder zu verwenden, die Jesus benutzt, um seinen Zuhörern schon vor 2000 Jahren die Wichtigkeit von Stabilität in einem zerbrechlichen Leben zu verdeutlichen. Ein Haus ohne solides Fundament stürzt ein, wenn der Wind kommt. Eine Pflanze ohne Verwurzelung wird weggeweht vom Wind. Und er setzt hinzu: Wer sich ihm und seiner Botschaft anvertraut, der hat diese Stabilität. Der weiß, dass er bedingungslos geliebt ist, angenommen, wert geschätzt. Das ist die Grundlage im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Grundlage macht das Leben nicht weniger stürmisch, aber sorgt für Halt und Stabilität im stürmischen Leben. Gott ist nicht Lebensoptimierer, sondern Lebensbegleiter und -stabilisator. Denn halten kann ich mich nicht selbst! Gehalten wird man…

Wie sieht das praktisch aus? Damit ein solches Fundament oder so eine Verwurzelung nicht nur Kopfwissen bleibt? Glaube bedeutet ja Vertrauen und ist somit ein Beziehungsbegriff. Er bewährt sich nicht am grünen Tisch, sondern im Erleben mitten im Sturm: Er hält mich. Gibt mir Halt. Hilft mir durch. Gott nimmt mir nicht den Sturm, aber er lehrt mich ihn gelassen zu bestehen, ja sogar mitten im Sturm geborgen zu schlafen. Das macht Jesus vor. Erlebt und gestärkt wird dieser Glaube mitten im ganz normalen Leben. Nicht zuerst in der Kirche und im stillen Kämmerlein. Das sind nur Tankstellen – gefahren wird woanders. Auf dass wir starke Bäume werden, die es nicht nötig haben, jedem Trend zu folgen und den nächsten Sturm bestehen.

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