Wenn man zu Gott schreit – und er als Antwort mitschreit und -weint

shy-863056_640Über Jahre haben wir uns gesehen. Jedes Jahr ein bis zweimal. Jedes Mal 24 Stunden, eine Übernachtung. Autorentreffen. Zusammen haben wir gefrühstückt, diskutiert, gelacht, nachdenklich geschaut und sind still gewesen. Eine große Offenheit war da. Verletzlichkeit. Martin. Nur wenige Jahre älter als ich. Topfit. Marathonläufer. Durchtrainiert. Ein sensibles, neugieriges, sprachgewandtes, tiefgründiges – kurz: herrliches Kind Gottes. Immer wenn ich sah, hat sich mein Herz gefreut.

Nun ist er tot. Einige Tage schon. Einfach so. Plötzlich. Beim Schwimmen gestorben. Zu früh. Viel zu früh. Und ich verweigere die zu leichte Erklärung meiner Frommen, dass Gott ihn zu sich geholt hat, dass alles bestimmt seinen Sinn habe, dass man nicht warum fragen solle, sondern wozu. Das löst mir die Spannung zu leicht auf. Ich will aber drin bleiben in der Spannung. Und so habe ich geschrieben, war erstarrt, habe geweint, habe den hohlen Schmerz im Herzen gespürt. Habe das Echo einer gefallenen Welt vernommen, das in mir widerhallt.

Ich habe keine Antwort bekommen außer diesem leisen Reden des Heiligen Geistes, was ich vermeinte zu hören: Es ist eine gefallene Welt und ich schreie und weine mit. Aber ich habe nur eine Antwort für diese Welt: Weiterzulieben. Mit euch durchzuhalten bis zum großen Fest. Weil ich eure Empfindungen durch und durch kenne, bin ich bei euch. Und führe euch durch die Kreuzigung zur Auferstehung.

Macht mich das ruhiger? Nein. Soll es denke ich auch nicht. Es gibt nicht die plüschige Wohlfühlantwort. Aber es gibt den lebendigen Gott, der mitleiden kann mit unseren Schwachheiten und Schicksalen. Und das tut er. Bis bald, Martin. Wir feiern später weiter. Dann für immer.

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