Bibeltreue (oder -untreue) als Komfortzone – ein paar provokative Gedanken.

Diese Gedanken bilden ein Spannungsfeld – also bitte komplett lesen…;-).

book-pages-2021302_640.jpgDie Bibel ist Gottes Wort. Punkt. So sehe ich das. Ich liebe dieses Wort und staune jeden Tag neu! Und deswegen kann ich es mir in manchen Fragen nicht einfach machen und simple Lösungen finden nach der Masche: Alles zeitbedingt und wir sind heute weiter und Jesus war ja immer lieb und nett (was er nicht war). Eine so lässige Herangehensweise hieße für mich, eine Spannung aufzulösen, die ich deutlich empfinde und die auch so in der Schrift angelegt ist. Das AT – die Tora – stand nicht als monolithischer Block da, sondern wurde ausgelegt durch eine mündliche Tradition und den Talmud. Dahinter stand das Wissen: Gottes Wort muss übertragen werden in unsere Zeit, ohne es zu verwässern und „easy“ zu nehmen. Das ist anstrengend, bedeutet Ringen, Kämpfen. Bonhoeffer hat das exemplarisch vorgelebt in seinem Ringen um die Frage des Tyrannenmordes und ob dieser biblisch zu rechtfertigen sei. Weder ein einfaches „Bring ihn um, der ist böse“ noch ein „Du darfst niemanden töten“ hätte hier weiter geholfen.

Aber das Auflösen einer Spannung ist eben Teil der Komfortzone und sichert diese. Wer hält schon gerne Spannung aus. So kann manche liberale Herangehensweise genau das sein: ein leichtes Auflösen einer vorhandenen Spannung in die vermeintliche Klarheit hinein, die meine Komfortzone sichert. Abgelehnt.

Auf der anderen Seite stehen die vermeintlich „Bibeltreuen“, die „einfach nur alles wörtlich“ nehmen wollen. Was die Bibel selbst nicht tut, dem jüdischen Denken widerspricht (Wahrheit entfaltet sich) und dem Bibel ein Inspirationsdogma unterschiebt, dass diese gar nicht selbst in sich trägt und zudem die Bibel mehr und mehr in die Richtung Gesetzbuch verschiebt und den Charakter des Beziehungsbuchs verwässert. Ein Beispiel: Du sollst nicht lügen. Eine junge Frau sagt mir das im Jugendkreis meiner damaligen Praktikumsgemeinde sehr überzeugt. Ich erzähle ihr von der Hure Rahab, die lügt, um die Gesandten Israels zu schützen, die sonst vermutlich getötet würden. Rahab taucht im Stammbaum Jesu auf und wird für ihren Glauben gelobt. Trotzig sagt mir die Jugendliche: Darf man trotzdem nicht. Die einfachen Antworten schaffen eben auch eine Komfortzone. Die der Kontrolle und Sicherheit. Verbalinspiration und „einfach wörtlich nehmen“ (teilweise unter Ignorieren des Zeugnisses der gesamten Schrift und des Hintergrundes) der Bibel sichert die ganz persönliche Komfortzone und löst eine Spannung auf. Die typische Spannung einer lebendigen Beziehung zwischen Gott und Mensch, in die uns Gottes Wort selbst hinein stellt.

Egal in welche Richtung man diese Spannung auflöst – es endet in einer liberalen oder biblizistischen Gesetzlichkeit. Beides will ich nicht. Also gilt es in die Spannung hinein zu gehen und sich im Ernstnehmen der Schrift UND der Lebensrealität ganz dem Heiligen Geist auszuliefern und mit leeren Händen Gott um Weisheit zu bitten, die er denen gerne gibt, die sie nötig haben. Ich habe sie nötig. Denn ich will den einfachen Weg nicht gehen – weder in die eine noch in die andere Richtung.

Advertisements