Wie ein Losungsvers zur Zyankalikapsel für das Evangelium werden kann…

„Wenn du das ewige Leben bekommen willst, dann halte die Gebote!“ – Matthäus 19,17

So sagen es die Losungen für heute. Und ich lese hier und da: EIN ERNSTES WORT, DAS UNS IN DEN GEHORSAM RUFT. Hm. Wirklich?

Nein. Ich denke: Wenn wir als Christen dieses Wort auf uns anwenden, wirkt es vergiftend. Gleichzeitig ist dieser Vers ein schönes Beispiel für Schriftauslegung bzw. mangelhafte Schriftauslegung. Denn: (1) Kontext beachten, (2) Adressat beachten, (3) Einordnung in die Heilsgeschichte beachten, (4) Christuszentriert – d.h. vom Kreuz her auslegen.

bible-2167778_640.jpegDoch der Reihe nach: Dieser Vers richtet sich an einen frommen, reichen, jungen Juden. Damit ist der Adressat klar – ein Jude. Wie auch anders – Christen gab es noch nicht. Dieser fragt Jesus, wie er ins Himmelreich kommen kann. Das ewige Leben – sprich: das Heil – empfangen kann. Jesus schaut ihn liebevoll an und erinnert ihn an seine jüdische Pflicht (unser Losungsvers): Halte die Gebote. Der Jüngling darauf: Mache ich! – Ui! Das ist schon mal groß abgebissen, aber gut. Jesus sieht das wohl ähnlich und führt ihn an seine Grenze und offenbart ihm seine Abhängigkeit vom Geld. Ok – das war es dann mit der Gesetzestreue. Gleichzeitig ruft Jesus ihn in seine Nachfolge – als Weg zum Heil. Da leuchtet zum ersten Mal die Gnade auf. Dass die Beziehung zu Jesus rettet. Nach einem Exkurs darüber, dass Reiche es schwer haben, Jesus nachzufolgen, weil sie nicht um Gott, sondern um das Geld kreisen wollen, schließt Jesus mit den Worten: Aber bei Gott ist nichts unmöglich – sprich: die Gnade kann auch einen Reichen im Herzen erweichen…

Geht es also bei dem Losungsvers um eine Aufforderung an uns Christen, die Gebote zu halten, um das Heil zu erlangen? Wenn wir das glaubten, hätten wir nach Paulus den Boden des Evangeliums nicht nur teilweise, sondern komplett verlassen! Gebote sind gut und heilig – denn sie offenbaren unsere Bedürftigkeit nach Gnade und Vergebung. Aber sie bringen niemals Heil oder Heiligung hervor. Das schafft nur die Gnade und Gottes guter Geist IN uns. Wenn wir ihm Raum geben.

  • Kontext also: Nicht das Gebote halten rettet, sondern die Nachfolge.
  • Adressat: Ein frommer Jude, der viel auf seine Moral hält.
  • Einordnung in die Heilsgeschichte: Eine Geschichte VOR dem Kreuz, VOR Ostern
  • Christuszentriert betrachtet: Das Gesetz kann niemals retten und heilen – das schafft nur die Gnade.

Wer Losungen liest – bitte! Aber bitte nachschauen und sie nicht als Happen verschlingen – sonst könnte sich der Happen als vergiftet heraus stellen und unseren Glauben schwächen. Wer Bibel mündig und seriös lesen will – der liest sie im Kontext. Und vom Kreuz her.

 

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