Nüchtern im Glauben sein – was bedeutet das?

Wir Christen sollen nüchtern sein! Das hört man immer gern in manchen christlichen Kreisen in Abgrenzung zu den sogenannten „Schwärmern“, die den Emotionen (zu viel!?) Raum geben. Mein Systematikdozent sagte mal so schön: Nüchtern heißt biblisch nicht: trocken! Es soll nicht stauben! Das Evangelium sollte auch in einer angemessenen Form rüber gebracht und gefeiert werden – und wie wird es das? Frohe Botschaft? Nun…. mit Freude? Perspektive? Hoffnung? Unbeschreiblichen Jubel (so nennt es Petrus)? Ok… das klingt nicht klassisch: nüchtern. Was aber bedeutet es dann? Lösen wir uns von den üblichen Schubladen von Verstand und Gefühl, die im jüdischen Menschenbild (Anthropologie) eh kaum Raum finden. Mensch ist Ganzheit. Wie ist dieser nüchtern? Nochmal Petrus:

(…) seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch zuteilwird in der Offenbarung Jesu Christi. (1.Petrus 1,13)

Nüchtern heißt danach etwas komplett Anderes. Sich eben nicht auf den „gesunden“(?) Menschenverstand und auch nicht auf die schwankenden Gefühle verlassen, auch nicht auf die eigene Weisheit, Klugheit und Leistung. Sondern sich ganz auf die Gnade werfen. Was bedeutet nüchtern sein also angesichts einer persönlichen oder gemeindlichen Herausforderung? Natürlich spüren, denken, weise sein (all das hat uns Gott geschenkt) – aber vor allem: Der Gnade Gottes in Jesus Christus etwas, ja alles zuzutrauen! Sie ist der Maßstab – nicht der Verstand, nicht das Gefühl. Und: Die Gnade ist weit mutiger, größer, „unvernünftiger“ als all unser nüchternes Denken. Und sie ist weit klarer, ruhiger,  zuverlässiger, aber auch leidenschaftlicher – als unsere schwankenden Gefühle. Also ziemlich genau das Gegenteil von dem, was manche frommen Zeitgenossen unter „nüchtern“ verstehen…

Denken, Fühlen, Wollen – das sind Schritte. Die Gnade aber ist der Weg, auf dem diese Schritte gehen. 

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