Das Böse im frommen Gewand oder: Schmerzensgeld im Gotteshaus (Artikelentwurf für AUFATMEN)

Mit schiefem Grinsen sagte der Kollege zu mir: „Gewöhn dich dran, 10% des Gehalts als Pastor sind Schmerzensgeld!“. Ich lachte laut auf und verstummte gleich wieder. So witzig der Spruch – so unbarmherzig und dunkel die Wirklichkeit dahinter. Ich würde diesen Satz heute so nicht mehr unterschreiben können. Ich denke, es sind 20%. Die aber normal sind und die ich auch denen zahlen müsste, die mit mir zusammen sind. Doch der Reihe nach.

wolf-in-sheeps-clothing-2577813_640.jpgWovon hatte ich meinem Kollegen irgendwann in den ersten Jahren meines Dienstes erzählt? Von nichts Besonderem. Nur vom Reden hinter meinem Rücken, vom Verbreiten von bestenfalls Halbwahrheiten und dem bescheidenen Gefühl, dem als öffentliche Person ausgeliefert zu sein. Beginnt man sich zu verteidigen, spricht man sich gleichsam schuldig. Sagt man nichts, kann das Gerede ungehindert seine Kraft entfalten und produziert so eine Spur von Verletzungen. Gott hat sich barmherzig und mächtig erwiesen und die Sache damals bereinigt. Aber da war es – das Böse im frommen Gewand. Ich habe es seitdem immer wieder erlebt. Davon schreibe ich, aus der Praxis erlebt und erlitten. Denn nicht nur Pastoren erleben das Böse im frommen Gewand, sondern auch Otto Normalchrist und Anna Normalchristin, wenngleich aus der Perspektive der Leiter und Leiterinnen einer Gemeinde meist die dunkle Vielfalt des Bösen besser sichtbar ist. Nähern wir uns den Wölfen im Schafspelz (Matthäus 7,15). Obwohl hier in der Rede Jesu falsche Propheten gemeint waren – und es beginnt meist weit weniger hoch aufgehängt…

Achtung Falle

Doch bevor ich den Blick auf das Böse im Nächsten lenke, eine wichtige Vorbemerkung, die ich schmerzhaft erlernen musste.
Das Böse, das ich beim Nächsten beobachte, ist auch Teil meiner Person. Splitter und Balken. Diese Geschichte. Psychologisch gesprochen: Projektion. Ich ärgere mich über die beißende und ungerechte Kritik des Bruders an meiner Predigt – und stelle fest, dass ich genauso sein kann an anderem Ort und außerhalb meines frommen Modus. Puh! Das sitzt!
Ich rede hier übrigens (noch) nicht vom personalen Bösen – so wenig wie der Satan von Petrus Besitz ergriffen hatte, als Jesus ihn so nannte und hinter sich verwies (Matthäus 16,23), so wenig ist das Böse personal anwesend in einem Kind Gottes. Alte, destruktive, manipulative oder was auch immer für -tive Verhaltensmuster erledigen sich nicht durch eine magische Bekehrungsformel. Sie brauchen Verwandlung auf dem Weg der Nachfolge. Doch zurück zur Projektion. Böses zu erleben im christlichen Kontext ist immer auch Wachstumschance. Mehr über sich selbst zu lernen. Barmherzig hinzuschauen: Wenn mich das am Anderen stört – ist es auch meins? Ich kann den Anderen nicht ändern, aber ich kann meine Gedankengebäude erkennen und „stellen“ (2. Korinther 10,17).

Ein zweiter Gedanke wendet den Blick zuerst auf mich: Wenn mich Böses durch Worte, Aussagen, Intrigen oder was auch immer verletzt, dann kann es das nur, weil es in mir auf innere Stimmen trifft, die damit übereinstimmen und auf fehlende Grenzen, die mich sonst schützen würden. Das soll reales Unrecht und erfahrene Verletzung nicht relativieren. Aber ich habe auch hier ein Lernfeld: Ich darf meine inneren Kritiker und löchrigen Grenzen kennen lernen und gleichzeitig dahin wachsen, mehr auf IHN zu schauen, als auf mich. Wenn ich in der Würde des Kindes Gottes ruhen lerne und meinen Wert mehr von IHM her begründe, dann kann ich mit solchen Attacken anders umgehen.

Ein Drittes: Wenn mir Menschen „böse“ kommen, dann mag die Art und Weise daneben sein, aber – sie könnten Recht haben. Ich mache Fehler. Ich bin ein Heiliger mit Macken und Fehlern und auf dem Weg der Heilung. Ich darf hinfallen und aufstehen. Ich bin auf Gnade angewiesen – auch bei Menschen.

Es tut gut, sich diese drei Fallen (Projektion, fehlende Grenzen und innere Kritiker, reale Fehler) immer wieder zu vergegenwärtigen, wenn wir „angegriffen“ werden. Damit wir nicht unseren Lern- und Heilungsprozess durch vorschnelle Auslagerung auf den „bösen“ Nächsten verpassen.

Das Böse als missbräuchliche Ausübung von Macht

Wir haben den klassischen Machtmenschen vor Augen: Der Menschen gefügig macht oder ausgrenzt. Doch so einfach ist die Thematik nicht. Macht kann auf vielerlei Weise ungesund ausgeübt werden – und wahrlich nicht nur von oben nach unten, sondern auch untereinander und ebenso von unten nach oben. Die christliche Gemeinde ist dafür besonders anfällig. Sie will Schutzraum sein, der Öffnung und Verletzlichkeit ermöglicht. Sie soll durch dienende Strukturen geführt werden – die Hirten. Klassische Instrumente der Macht wie Belohnung, Bestrafung, Beförderung, Belobigung aber auch Anweisung, Gehorsam in der Erfüllung der Anweisung sollen in der christlichen Gemeinschaft nicht greifen. „Bei euch soll es anders sein…“ (Matthäus 20,26) – so schreibt uns Jesus selbst die dienende Leitung als Christen ins Stammbuch, aber auch den Respekt gegenüber dieser Leitung. Eine feine und verletzliche Balance.

Da kommen dann Menschen zum Glauben, die Macht oder Machtlosigkeit in ihrer Lebensgeschichte komplett anders erlebt haben und vielleicht sogar noch in aktuellen unguten Machtkonstellationen im Beruf und Partnerschaft stehen. Und plötzlich soll alles anders sein? Da hat eine Frau – und das ist ein reales Beispiel – einen gewalttätigen Vater erlebt und gelernt, nach außen eine liebe Tochter zu sein (um den Vater nicht zu reizen und Schmerz zu vermeiden), hinten herum aber zu manipulieren und den Vater bei der Mutter schlecht zu machen. Verständlich. Kinder suchen ihren meist unbeholfenen Weg, Schmerz zu minimieren und mit traumatischen Lebenssituationen umzugehen. Wird aber ein solches Muster nicht erkannt, wiederholt es sich zum Beispiel bei der ersten liebevollen Ermahnung eines Mitchristen im Hauskreis. Ja, es muss nicht mal eine echte Ermahnung gewesen sein, es reicht eine Bemerkung, die einen wunden Punkt trifft. Dann wird unsere Frau verstummen und einen mustergültigen Hauskreis abliefern, aber dann anfangen, gegen diese Person zu „arbeiten“. Schon beginnt Machtausübung.

Deswegen ist es so unerlässlich, dass Leiter, aber auch jeder ganz „normale“ Christ einen ehrlichen, heilsamen Blick in die eigene Biographie wirft und die eigenen Muster erkennt. Ich staune auch nach vielen Jahren als Christ immer noch darüber, was sich da alles an Reaktionsmustern zeigt und wie ich fast reflexhaft beginne, meine alten erlernten Muster auf das Leben auch in der Gemeinde zu übertragen. Unwissenheit der eigenen Biografie endet in toxischem Verhalten, Verletzte werden zu Verletzern. Besonders fatal ist diese Logik im Schutzraum der christlichen Gemeinde und besonders dann, wenn dieses Verhalten noch fromm begründet wird. Sei es als gottgegebene Ausübung von Autorität oder aber – bei Machtausübung durch Schweigen und Ausweichen – zum Beispiel als Demut. Der Machtmensch steckt in uns allen, weil wir gelernt haben auf Machtlosigkeit zu reagieren und eigene „kreative“ Wege zur Machtausübung zu finden. Sei es durch Schweigen, hinter dem Rücken reden, Perfektionismus, Kontrolle, Aggression, geistlicher Großspurigkeit (Gott hat mir gesagt…). Erlernte Reaktionsmuster, die aber in der christlichen Gemeinde fast immer bitter enden.

Das Böse als Übertreibung des Guten

Eine Gabe ist immer auch eine Grenze und eine Gefährdung. Das Gute meiner Begabungen und meines Dienstes kann zum Bösen werden…

  • Wenn andere meine Gabe nicht ausreichend würdigen.
  • Wenn meine Gabe mit den Gaben anderer eine Balance finden muss, sich gar unterordnen muss.
  • Wenn ich meinen Dienst beginne mit dem Dienst anderer zu vergleichen und wütend werde, warum andere nicht mit anpacken.
  • Wenn in der Konsequenz das „Ich“ immer größer und wichtiger wird als der, dem ich eigentlich dienen und den ich im Mittelpunkt behalten soll: Jesus Christus.

Diese Dynamik ist eine schiefe Ebene, die vom Guten unweigerlich zum Bösen führt, in dem der Stolz regiert und es sich doch so „richtig“ anfühlt, weil man doch nur seine Gaben leben möchte! Für IHN! In meinen Gaben zu dienen tut gut – wenn ich aber die Gaben benutze, um mich gut zu fühlen – sie also verzwecke – wird es gefährlich. Dann werden die Gaben zur Droge des Egos. Wer schon einmal versucht hat, einem Abhängigen die Droge wegzunehmen oder sie nur einzuschränken, der weiß, was dann passiert…

Das Böse als bittere Frucht des Unausgesprochenen

Hebräer 12,15 spricht vom Gift der Bitterkeit, das den bitteren Menschen selbst und alle anderen im Umfeld als Folge vergiftet. Doch wie entsteht Bitterkeit im Rahmen der Gemeinde und wie kann sie verhindert werden? Zuerst: Bitterkeit ist kein Gefühl, sondern die Folge von Aufgestautem. Hebräer 12 spricht von einem Mangel an Gnade als Ursache. Ein Mangel an Gnade kann zur Bitterkeit führen, wenn ein Mensch unbarmherzig behandelt wurde, verletzt, beschämt. Bitterkeit aber ist eine Reaktion darauf und damit auch in der Verantwortung des Verletzten. Bitterkeit entsteht, wenn die erlittene Wunde aus dem Wunsch nach Genugtuung heraus nicht behandelt, sondern immer wieder aufgekratzt und ihr Schmerz neu erlitten wird. Wenn Groll gepflegt wird. Wenn Bereinigung, Konfliktlösung und dann Vergebung ausbleibt, dann ist da auch ein Mangel an Gnade beim Verletzten. Neben dem beidseitigen Mangel an Gnade plädiere ich aber auch für einen Raum der Gnade in der Gemeinde, in dem es möglich ist, sich verletzlich zu machen und zu öffnen! Zu oft dürfen kritische Punkte nicht angesprochen werden in frommen Kreisen – weil eben nicht sein kann, was nicht sein darf. Sind aber notwenige Konfliktklärungen nicht möglich, kann konstruktive Kritik nicht geäußert werden, sind Zweifel im Glauben nicht erlaubt, wird dagegen eine fromme Fassade erwartet, dann entsteht eine Atmosphäre des Unausgesprochenen. Wer aber nicht aussprechen darf, was in ihm ist, weil dieses nicht statthaft ist – der sammelt es in sich und wird bitter daran. Das Böse sprießt aus der Wurzelstock der Bitterkeit als Folge einer Atmosphäre des Verschweigens.

Und der Teufel? Das personale Böse?

Habe ich mit diesen Beispielen aus meiner Erfahrung das Böse nun entmythologisiert und auf reinen „Psychokram“ reduziert? Ist damit die Person entschuldigt? Nein! Jede Person ist für ihr Verhalten verantwortlich und das bedeutet auch: Verantwortung für die eigene Biografie übernehmen. Der Teufel liebt es, wenn wir Bereiche in uns im Dunklen lassen – die (und nur die!) sind prächtig zu missbrauchen. Aber ja: Ich unterscheide zwischen den Ratten (Teufel und Dämonen) und dem Futter, das wir ihnen bieten. Nimm den Ratten das Futter und sie verschwinden. Ich glaube an Jesus – nicht an den Teufel. Ich weiß um seine Existenz und Realität – aber die Existenz und Realität des auferstandenen Jesus ist größer. Immer! Deswegen wird der erste Ansatzpunkt im Umgang mit dem Bösen immer zuerst das Futter sein, das wir ihm bieten – und erst dann im Einzelfall der Böse in Person selbst. Findet sich in einem Christen eine Form von geistlicher Belastung durch offene Tore, die der Gegenseite geöffnet wurden, dann können diese nüchtern und in der Autorität Christi geschlossen und versiegelt werden. Damit dieses aber gelingt und zur dauerhaften Ruhe führt, muss das angeschaut werden, was dem Bösen als Nahrung diente und dient. Jeder von uns trägt es in sich – jeder braucht den barmherzigen Blick auf das, was uns krumm geprägt hat und immer noch prägt und uns und andere verletzt. Damit Freiheit entsteht und die Freude Christi mehr Raum gewinnen kann (Johannes 15,11) und so das Böse, das wir als Heilige dennoch tun, weniger werden kann. Dieser Prozess entsteht dort, wo dieses Thema nicht tabuisiert wird, sondern stattdessen liebevoll angesprochen, begrenzt und durch Gutes(!) überwunden wird mit dem Ziel des Friedens.

In ihm (im Wort, in Christus) war das Leben, und dieses Leben war das Licht der Menschen. Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht auslöschen können. (Johannes 1,4.5; NGÜ). Die Finsternis – auch in uns Heiligen – muss erkannt, verstanden und auch begrenzt werden – aber sie hat letztlich keine Chance, wo wir das Licht leuchten lassen. So kann christliche Gemeinschaft echter Schutzraum werden, in dem auch dunkle Themen vorkommen dürfen und verwandelt werden können.

 

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