Auf der schiefen Ebene Jesus begegnen oder: Wie man der Traumatisierung des Glaubens entgeht.

(7000 Zeichen – Artikelentwurf für AUFATMEN – über den Umgang mit abweichenden Meinungen, die das eigene Glaubensgebäude ins Wanken bringen…)

Ich verstehe mich jetzt erst richtig. Was mit mir in den letzten beiden Jahrzehnten immer wieder passiert ist, wenn ich auf einer schiefen Ebene drohte, wegzurutschen. Schiefe Ebene? Ein Beispiel: Ich treffe auf einen Kollegen, der so ganz andere theologische Ansichten hat als ich. Er liebt Jesus von ganzem Herzen (spürbar!), aber er kommt in ethischen Fragen zu anderen Schlüssen. Wie reagiere ich? Vielleicht auch du?

Meine Reaktion ist oft ausweichend oder ärgerlich: „Mit dem muss ich mich nicht beschäftigen!“ Oder: „Ich weiß doch, wie es richtig ist, die Bibel sagt es eindeutig und so war es schon immer! Das ist (Achtung Keule!) unbiblisch!“ Dass mein Gegenüber dieselbe Bibel liest und genau dieselben Worte über meine Haltung aussprechen könnte – das macht mich kurz nachdenklich, aber ich wähle trotzdem Ausweichen, Verleugnen, selten Bekämpfen als Antwort.

glass-1502746_640.jpegIch könnte nun die Begegnung mit einem liberaleren oder gesetzlicheren oder was auch immer für einem anders geprägten Jesusnachfolger ersetzen durch andere schiefe Ebenen. Ich lese ein Buch aus einem anderen christlichen Milieu, verlasse damit meine kuschelige Subkultur. Ich beschäftige mich mit Theologie und stoße auf kritische Fragen an die Bibel oder andere ethische Schlussfolgerungen. Die Reaktion war – manchmal ist – immer die gleiche, hilflose Ausweich- oder Abwehrbewegung. Zuletzt könnte man die Begegnung mit einem Menschen oder einen ungewohnten Theologie noch ersetzen durch die Begegnung mit dem unverständlichen Gott. Was ist, wenn dieser mir anders begegnet, als ich ihn bisher gesehen, verstanden und erlebt habe? Schrecke ich zurück? Laufe ich weg vor der neuen Erfahrung? Oder erkläre sie als ungeistlich?

Andersherum bekommt dieses Gedankenspiel eine noch größere Brisanz: Wenn ich so reagiere, hat Gott dann überhaupt eine Chance, mir neu und anders zu begegnen? Wenn ich ihn von Anfang begrenze mit meinem festgelegten Denken – so gut dieses auch begründet sein mag? Hat Gott eine Chance, mir eine andere Ebene als die meine zu zeigen, wenn ich es ablehne, dass meine Ebene zumindest temporär zu einer schiefen wird, die mich erschüttert?

Aufschlussreich fand ich in den letzten Jahren die Beschäftigung mit der Traumatologie. Wie reagieren Menschen auf traumatische Erfahrungen – damit beschäftigt sich diese Richtung der Psychologie und auch der Seelsorge. Ich musste mich ganz persönlich damit beschäftigen, um meine (Fehl-)Reaktionen besser zu verstehen und gleichzeitig Menschen Hilfe zu sein, die ich in der Seelsorge begleite. Doch was hat Traumatologie mit der schiefen Ebene zu tun? Trauma wird definiert als Ausmaß an Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Eine Situation, die über uns kommt und uns erstarren lässt. Wie läuft eine klassische Traumatisierung, eine sogenannte Trauma-Kaskade ab? Da gibt es zuerst einen Auslöser. Der Tod eines Partners oder Kindes, ein Unfall, eine Demütigung, seelischer oder körperlicher Missbrauch – vieles kann ein solcher Auslöser sein. Darauf reagiert ein Mensch mit dem Impuls: Ich möchte flüchten, raus hier, abwenden! Wenn das nicht geht, kommt dem Impuls: Ich muss kämpfen! Wenn das ebenso wenig geht, erstarrt der Mensch. Hilflos, machtlos, ausgeliefert. In diesem Moment geschieht: Traumatisierung. Traumata gehen – das spürt man an einer solchen Schilderung – ans Existentielle, ans Eingemachte des Menschseins. Die Würde. Die Unversehrtheit.

Wie kann man die schiefe Ebene verstehen, wenn man den Ablauf einer Traumatisierung auf sie überträgt? Ich erzähle wieder von mir: Da bin ich – ich habe mich abgesichert und eingerichtet in meinen Glaubensüberzeugungen und habe so Kontrolle und Verlässlichkeit. Dieser sichere Stand wird nun durch eine abweichende Meinung oder eine mir fremde Gotteserfahrung ins Wanken gebracht. Es geht an mein Glaubens-Eingemachtes! Das, was mir vermeintlich vorher Sicherheit und Kontrolle in einem unsicheren Leben geschenkt hat, gerät ins Wanken und wird zu einer schiefen Ebene. Mein Impuls, um da rauszukommen: Flucht, Verleugnung, Verdrängung. Ich kann durchaus lange in der Ausweichbewegung bleiben, um die Traumatisierung zu verhindern. Aber gleichzeitig spüre ich: Mit Freiheit durch Jesus Christus hat dieses Verhalten und damit Lebensgefühl wenig zu tun!

Die alternative Reaktion wäre Kampf. Gegenangriff. Auch eine Möglichkeit, der Traumatisierung des eigenen Glaubensgebäudes zu entgehen. Mein Gegenüber ist ja überhaupt kein „richtiger“ Christ, das ist Glaube in der Endzeit, das sind Irrlehrer. Das ist nicht unbedingt mein bevorzugter Weg, aber er ist omnipräsent in den Medien und in der Auseinandersetzung um bestimmte theologische Fragen. Aber auch da wird klar: Christen, die Christen bekämpfen, das kann irgendwie nicht Evangelium sein und ein gutes Zeugnis schon gar nicht. Aber auch dieser Weg lässt sich lange gehen, manche Autoren und Prediger bauen auf diesem Weg der vermeintlichen Verteidigung des Glaubens ihre Daseinsberechtigung auf. Aber was wäre der dritte Weg? Wenn Flüchten nicht in die Freiheit führt und Kämpfen gegen andere Christen kein Evangelium ist? Wenn es keinen dritten Weg gäbe, folgte nun die Erstarrung. Furchtvoller Glaube. Angespannt. Unbeweglich. Gar nicht gut. Denn nach dieser Erstarrung folgte die Abspaltung der schmerzvollen Erfahrung. Dissoziation im Fachchinesisch. Ein Glaube, der nach außen gelebt wird, aber zunehmend wie ein Fassade wirkt. Weil im Herzen die Zweifel wüten, die offenen Fragen, denen man aus Angst ausgewichen ist. Gibt es einen Ausweg?

Ich habe bewusst auf eine Station in der Trauma-Kaskade verzichtet. Bevor wir zu Flucht und/oder Kampf greifen, entsteht Furcht. Und diese Furcht sucht nach Bindung. Ein Kind im Angesicht einer traumatischen Situation rennt zu den Eltern, sucht Bindung und Geborgenheit, umklammert die Beine von Papa oder Mama. Ein Erwachsener ruft seinen Partner an, einen Vertrauten. Gelingt dieses, ist die Situation immer noch schwer – aber sie traumatisiert nicht mehr. Übertragen auf den Glauben bedeutet das: Wenn mich Auslöser ängstigen – ruft mich Jesus in die Sicherheit und führt gleichzeitig damit meinen Glauben aus der Sackgasse. Denn Glaube bedeutet nicht, ein Kontroll- und Sicherheitssystem aus Überzeugungen zu besitzen und diese zu umklammern. Glaube bedeutet Nachfolge – hinter der einzigen Wahrheit her, die wir haben und die personal ist: Jesus Christus. Wenn wir das begreifen, können wir die von uns so empfundenen schiefen Ebenen als etwas ganz anderes sehen, das Gott schenkt, damit wir unsere falschen Sicherheiten loslassen und ganz neu die eine Sicherheit ergreifen, die sich wirklich bietet. Die tiefe und reale Verbindung mit Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Als Konsequenz könnten wir aufhören, Ängste vor anderen Überzeugungen zu haben und wegzulaufen oder Geschwister mit anderen Schwerpunkten und Ansichten zu bekämpfen. Wer mutig auf die schiefe Ebene tritt und loslässt, landet in Jesus’ Armen und entdeckt eine weitere Ebene mit mehr Freiheit, mehr Geborgenheit. Es ist die Liebe Gottes, die uns den falschen Sicherheiten entreißt, um unsere Füße auf (einen) weiteren Grund zu setzen. Wer das begreift, für den verlieren die schiefen Ebenen den Schrecken und sie werden zur Möglichkeit zu größerer Intimität mit dem Vater. Und so ganz langsam beginne ich das nicht nur zu begreifen, sondern auch zu ergreifen.

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