Hallo Wut!! Ein heilsamer Dialog mit der eigenen Wut im Bauch! (geschrieben für die gerade erschienene Ausgabe des christlichen Männermagazins MOVO)

Hallo du! – Hallo Wut!

Das ABS vibriert unter meinen Füßen, als sich ein dunkler 3-er BMW vor mir auf die linke Spur schiebt und mich zu einer Vollbremsung zwingt. Ich sehe sein lachendes Gesicht in seinem Rückspiegel.

„Boaaah, was für ein Arschloch!!!“

„Halthalthalt, so kannt ich doch als Christ nicht reden!!?“

„Und ob ich das kann!! Das ist lebensgefährlich! Außerdem trägt das Bürschchen eine Baseball-Mütze und ist noch grün hinter den Ohren und fährt trotzdem so eine Schleuder! Geht gar nicht! Scheiß Kerl! Ich könnte den aus dem Auto zerren und…“

„Halt mal eben! Wut, das bist du hm?“

Bildschirmfoto 2017-12-07 um 17.55.13.jpg„Klar, wer sonst! Merkst du doch hm? Dein treuer Begleiter seit Kinderjahren! Da warst du dieser „Christ“ noch gar nicht! Du hast in meinem Namen so einiges zerlegt in deinen Wutanfällen und dir einmal beim Treten gegen eine Heizung den Zeh so gestaucht, dass er monatelang weh tat! Ha! Klasse Aktion!“

„Na, so klasse fand ich die nicht! Da hast du es mächtig übertrieben!“

„Gar nicht! Übertrieben hast du es! Und nun willst du mich schon seit Jahren loswerden und dieses „sanftmütig“ werden, hä? Doch du wirst mich nicht los!“

„Wäre aber nicht so übel, denn du bist in dieser Gesellschaft nicht gut angesehen bei Männern und bei Frauen nicht. Schön beherrscht und cool soll alles sein, da kommt Wut nicht gut!“

„Ich weiß, ich weiß! Nervig! Blöde Schlaffis! Sag mal Testfrage: Wie fühlst du dich in dem Moment, wenn ich so richtig aufdrehe??“

„Na, wütend?“

„Super Antwort! Logisch! Und sonst?“

„Ziemlich viel Energie? Körper spannt sich an. Hellwach. Adrenalin. Sowas?!“

„Genau. Fühlt sich irgendwie auch gut an, hm? Weißt du, was mich als Wut wirklich noch wütender macht als ich eh schon bin? Dass ihr glaubt, mich loswerden zu können und gar nicht merkt, wie ihr viel weniger Energie habt, Dinge anzupacken, Umstände zu verändern oder an euch selbst zu arbeiten. Schmeißt mich raus und euch fehlt eine wichtige Energie! Ihr sollt gezähmt werden – verstehst?“

„Kapier ich noch nicht. Wieso Energie? Wenn ich dich spüre, will ich nur zerstören oder irgendwo gegen treten oder was auch immer! Aber Energie zur Veränderung? Wie das?“

„Du kennst mich echt nur wenig, hm? Sollten wir ändern. Du verwechselst dauernd mich „Wut“ mit dem, was du draus machst… Mannmann… hey: Ich bin nur eine Anzeige, eine Warnlampe. Wie diese Anzeigen in deinem Auto. Wenn deine Grenzen verletzt werden – oder aber die Grenzen anderer Menschen, die dir nah sind, dann geht die Post ab! Wie bei dem Scheißkerl da gerade!“

„Ok… du markierst also quasi meine Grenzen? Klingt ganz nützlich…“

„Jup. Klasse Sache. Das Problem ist nur, dass ihr mich loswerden wollt und deswegen so oft grenzen-los seid! Ich bin eine wichtige Funktion in eurem Schutzschirm. Ich soll und kann euer Herz und euren Körper schützen. Aber mein Lieber – du und deine Mitmenschen – ihr habt oft verlernt, euer Herz zu schützen. Da kann jeder Mist durchrauschen von außen und direkt ins Herz treffen. Und dann beschwert ihr euch, dass ihr verletzt seid und rennt zum Seelsorger!“

„Nanana, so ganz unnütz ist der Seelsorger ja nun auch nicht, oder?“

„Nö, ist oft der einzige, bei dem ich mal vorkommen darf. Der weiß mich durchaus zu schätzen. Und gerade für dich als Mann bin ich superwichtig!“

„Wieso ausgerechnet für mich als Mann?“

„Weil du einen Kämpfer in dir drin hast! Frauen haben den auch – aber oft ist die Kämpferin anders gestrickt. Für deinen ganz archaischen Kämpfer brauchst du mich! Dann kannst du dich für Dinge einsetzen, sei es für dich, für andere, für Veränderung von Situationen. Ohne Kämpfer bist du ein Schlaffi mit der Chipstüte auf dem Sofa, der Actionfilme guckt, aber selbst keine Action macht!“

„Na, super, jetzt beschimpfst du mich noch!“

„Laaaaangsam. Ich will nur dein Bestes! Will, dass du Energie zum Leben hast und zum Dinge anpacken oder abgrenzen und Stop sagen! Verstehst! Spannkraft! Energie! Na? Klingt das gut? Übrigens klasse, dass wir endlich mal miteinander reden!“

„Hm – ich weiß noch nicht recht. Aber ist nicht übel. Aber soll ich nach dem christlichen Glauben nicht sanftmütig sein? Frieden? Versöhnung? Solche Dinge?“

„Du hast aufgepasst bei der Predigt, hm? Ja sollst du. Aber schon mal gefragt, wie du das wirst? Ich bin doch in dir. Basis-Emotion. Also entweder arbeiten wir zusammen und ich zeige dir, wie das gehen könnte oder du unterdrückst mich und ich mache dir echt eine Menge Stress. Ich bin gut darin, dich mit Magenschmerzen, Verdauungsproblemen, Enge in der Brust und hohen Blutdruck zu versorgen… will ich aber nicht. Eigentlich will ich mit dir zusammen arbeiten!“

„Ok, klingt logisch. Wenn ich einen Teil von mir loswerden will, dann kämpfe ich ja auch quasi gegen mich selbst. Funktioniert nicht oder ist nur irgendwie… selbstverletzend…“

„Yep – richtig erkannt. Ich hab eine Menge in deinem Leben erlebt und freue mich, wenn du mich endlich wahrnimmst. Ich nerve ja vor allem deswegen, weil du mich loswerden willst. Aber selbst wenn ich dein Feind wäre – was ich nicht bin – solltest du mich nicht loswerden wollen, sondern segnen. Hat Jesus gesagt. Feinde segnen. Gilt auch für das vermeintlich und reale Dunkle in dir. Könnte ein erster Schritt zu unserer Versöhnung sein.“

„Echt? Dich segnen? Und was soll das bringen?“

„Aaaaaahhh, du ahnst gar nicht, wie Segen wirkt. Segen ist wie ein sanfter Balsam. Tut so gut! Segen bringt Licht und verändert und lässt mich entspannen. Ich habe ja auch manch falsche Muster gelernt im Laufe deines Lebens. Zu oft musste ich mich wehren gegen deinen Mist in deinem Leben. Aber du hast ja früh gelernt, dass deine Eltern einen lieben Jungen wollten, der nicht rangelt oder schmutzig wird. Boah, mir schwillt noch heute der Kamm bei diesem Gedanken!“

„Ja, das stimmt. Ich habe mich da angepasst. Immer lieb und nett…“

„Aber die Welt wird nicht durch liebe und nette Männer verwandelt. Dein Jesus – war der lieb und nett? Wohl kaum! Der war wild, manchmal überraschend und unberechenbar und gleichzeitig sanft, einfühlsam und voller Wärme. Cooler Typ. Sehr leuchtende und warme Wut in ihm, die eine Menge mit der Liebe zusammen angepackt hat. So würde ich gerne werden… weißt du: Sanftmut hat auch MUT drin. MUT – nicht nett!“

„Kapiert.

„Aber ich kann dich das lehren. Aber das wird nur funktionieren, wenn du Verantwortung übernimmst!“

„Na hör mal! Ich bin bald 50 Jahre alt und stehe mitten im Leben! Ich habe reichlich Verantwortung übernommen!“

„Aber nicht für deine Gefühle. Die hast du entweder verdrängt oder bekämpft, aber nicht geheiligt! Ich würde gerne nur da wütend sein, wo es hingehört. Aber ich bin überempfindlich geworden. Ich springe auf Dinge an, die – als du klein warst – echt ein Problem waren und wo ich wütend werden musste – aber heute reagiere ich dauernd auf bestimmte Signale falsch. Zum Beispiel, als dein Freund dich freundlich hinterfragte letztens, dann springe ich trotzdem darauf an, weil es als Kind bei dir so viel ungerechte Kritik gab, die beschämt hat. Ich hasse Ungerechtigkeit!

„Ohja ich auch! Da haben wir was gemeinsam! Aber wie kann ich dir helfen, nicht anzuspringen bei den falschen Situationen?“

„Ich will als Gefühl dein Wächter, deine Warnlampe sein, aber das kann ich nur, wenn du Verantwortung übernimmst. Ich tauge nicht als Herr, auch wenn ich mich so aufspiele… eigentlich bin ich erschöpft und mache einen Job, den du nicht machst…“

„Und wie sähe die Jobbeschreibung aus, die es mir ermöglicht, mit dir vernünftig umzugehen und die dich entspannen lässt?“

„Hm. Schön, dass du das endlich fragst. Zuerst nimm mich als einen Teil von dir an – das darfst du mir auch gerne sagen: ‚Wut, ich nehme dich an‘. Würde ich gerne mal hören! Du bist nicht identisch mit mir, aber ich bin ein Teil von dir. Dann lern mich kennen. Ich kann dir die Geschichten erzählen, die mich zu groß gemacht haben. Wenn du deine Vergangenheit nicht kennen willst und betrachten willst, dann handelst du im Blindflug in der Gegenwart. Und glaubst dabei, dass du einen freien Willen hast. Der kann aber nur frei agieren, wenn du deine Prägungen und Automatismen kennen lernst. Ok?“

„Kapier ich. Ich bin ja Informatiker. Meine Prägungen sind wie Hintergrundprozesse, die fast unsichtbar im Hintergrund arbeiten und mich bestimmen, die ich aber kaum spüre?“

„Genau. Und du glaubst, du handelst bewusst, aber eigentlich spule ich manchmal mein Programm im Hintergrund ab. Wenn du mich mehr und mehr verstehst und ich vorkommen darf, werde ich bereits ruhiger. Spüre mich, wenn ich aktiv werde! Sieh mich als Warnlampe! Aber handeln musst du! Du übernimmst Verantwortung! Tust du es nicht wirst du krank. Seelisch oder körperlich, oder beides. Mich zu unterdrücken verletzt dich und andere. Also spüre meine Energie und suche nach einer guten Handlung!“

„Und wenn ich nicht handeln kann? Wenn ich hilflos bin? Wie gerade bei dem scheiß Autofahrer?“ Ich kann dem ja nicht hinten reinfahren!“

„Bloß nicht! Folge mir nicht blind. Aber erkenne: Hier ist Zornenergie! Die ist in diesem Fall berechtigt! Der Kerl hat mich in eine gefährliche Situation gebracht und ist rücksichtslos! Wenn du aber nichts machen kannst, dann drück mich auf gefahrlose Weise aus. Schimpfe einmal laut. Schlag ein oder zweimal kräftig auf etwas, das nicht kaputt gehen kann. Nimm deinen Beifahrersitz. Wenn da keiner sitzt. Ich stecke ja auch in deinem Körper, in deinen Hormonen! Reagiere! Aber nicht zu lange, sonst denke ich, es ist ein realer Kampf und du verstärkst mich noch. Aber du darfst gerne mal eine halbe Minute kontrolliert und ganz bewusst ungefährlich Dampf ablassen. Spüre dich. Bewusst. Sage Gott danke für dein gesundes Gefühl und für die Möglichkeit, es verantwortlich dir und anderen gegenüber ausgelebt zu haben. Dann geht es mir gut…“

„Das habe ich verstanden. Und dann? Wie geht es dann weiter?“

„Das war es schon! Du wirst schnell merken, dass dieser Weg dich an die Tiefen deines Mannseins führt. Und dich als Mann reifen und stärker werden lässt. Aber eben anders stärker… wirst du merken!“

„Hm – klingt verlockend, aber ich habe Respekt vor diesem Weg…“

„Ich auch. Aber wir schaffen das. Ach übrigens: Dein Weg wird nicht jedem gefallen. Aber das war ja bei Jesus nicht anders. Und bei den anderen Männern und Frauen Gottes. Geh los. Es wird Zeit!“

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