Wie Keith Jarrett fast ein Konzert absagte… und was dann Irres geschah.

Ich spiele das Konzert nicht! Ich reise ab! – So oder ähnlich wird es einer der größten Jazz-Pianisten der letzten 50 Jahre, Keith Jarrett, geblafft haben, als er den miesen Flügel sieht und anspielt, der ihm da auf der Bühne präsentiert wird. Tasten klemmen, nur die mittlere Tonlage gut gestimmt. Unter seiner Würde.

Es war an einem kalten Januarmorgen 1975, als Jarrett statt des von ihm geforderten Bösendorfer Imperial Flügels auf dieses minderwertige Instrument trifft. Er will abreisen. Sofort. Doch die junge Veranstalterin, eine erst 18-jährige Schülerin fleht ihn in schlechtem Englisch an, doch zu bleiben und das Konzert zu spielen. Schließlich willigt Keith Jarrett ein. „Ich spiele. Aber vergessen Sie es niemals: nur für Sie!“. Jarrett spielt. Hält sich im mittleren Tonbereich auf, umgeht kritische Tasten und hämmert auf das Klavier ein, weil es einfach dieselbe Lautstärke nicht erreicht wie der gewünschte Flügel. Die Aufzeichnung des Konzerts war abgeblasen worden, doch die Tontechniker machen einen Mitschnitt für sich. An einer Stelle hört man, wie Jarrett die Melodie des Pausengongs der Kölner Oper nachspielt und variiert. Der Mitschnitt dieses Konzerts wird das erfolgreichste Solo-Jazzalbum aller Zeiten: The Köln Concert.

Aus einem Desaster wird der größte denkbare Erfolg. Warum? Weil Keith Jarrett bereit war, entgegen sonstiger Starallüren seine üblichen Denkmuster zu durchbrechen und etwas zu wagen. Einfach so. Sich überraschen lassen vom Leben und Unvorhergesehenes nicht direkt als Bedrohung oder persönliche Beleidigung empfinden, sondern als Chance zu etwas Größerem. Gott liebt solche Überraschungen. Wir erleben sie, wenn wir Kontrolle loslassen und uns unterbrechen und überraschen lassen. Dann entsteht zwischen Geschöpf und Schöpfer etwas Unerhörtes, Neues. Nicht begrenzt von unserem kleinen Denken.

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