Mach dich mal locker! (Artikel in der neuen JOYCE)

Oh Frau, mach dich doch mal locker! Echt jetzt! Darf ich mal für ein paar Minuten das Engelchen auf deiner Schulter spielen, das dich zum Maria-statt-Martha-Sein ermutigt und die nörgelnde Kritikerin auf deiner Schulter etwas schweigsamer macht? Ist ja nicht so, dass ich deine Allüren gar nicht kenne. Ich bin selber Perfektionist und versuche alles richtig und es allen recht zu machen. Aber manchmal glaube ich, ihr Frauen habt da so ein paar Spezialthemen, die euch das Lockermachen echt noch mehr vermiesen!

Niemand ist zum Beispiel gezwungen, alles persönlich zu nehmen! Auch du nicht. Kennst du diese 4 Ebenen der Kommunikation? Eine Ebene davon ist die Beziehungsaussage. Eine Ebene. Eine! Wenn also irgendein Hempel dir sagt, was du besser machen kannst, dann bedeutet das nicht, dass du schlecht bist. Oder unfähig. Oder minderwertig. Die Aussage richtet sich meist gar nicht an dein Sein – nur an dein Tun! Dort, wo dich jemand direkt in deinem Wesen und deiner Würde angreift – darfst du getrost Grenzen ziehen und das ganz klar. Aber sonst?

Ihr Frauen scheint sehr vieles sehr schnell auf der Beziehungsebene zu verstehen. Was auch daran liegen mag, dass wir Männer manchmal sehr undifferenziert kommunizieren. Ein „Die andere Salami war aber leckerer“ aus des Göttergatten Mund bedeutet aber eigentlich nicht „Du hast Müll eingekauft und das liegt daran, dass du es einfach nicht kannst und nicht raffst und ich bin unglaublich enttäuscht von dir!“. Es bedeutet eigentlich: „Die andere Salami war aber leckerer“. Mehr nicht. Und wenn du dahinter mehr vermutest, dann frag doch bitte. Das entspannt ungemein. Frage deinen Holden: „Was möchtest du damit aussagen?“. Nun – er wird dich in 90% der Fälle verständnislos anschauen und murmeln: „Nur dass ich meine Pfeffersalami von Brutto wieder haben will.“ – aber dann weißt du Bescheid. Es ist niemand gezwungen, alles persönlich zu nehmen. Erst recht nicht Dauerwurst. Das macht auch vieles leichter! Denn dann ist nicht direkt dein ganzes Sein angegriffen, dass sich dann gerne als Reaktion schmerzhaft verkrampft. Seelisch wie körperlich. Tut nicht gut.

Oh Frau, mach dich doch mal locker! Du denkst jetzt vielleicht, dass wieder so ein Typ von dir verlangt, dass du einfach alles locker nehmen und schlucken sollst. Natürlich bedeutet das nicht, alles zu schlucken! Im Gegenteil: Bedürfnisse äußern ist wichtig. Aber da scheint mir auch eine klitzekleine Schwachstelle bei euch Frauen zu liegen. Wo unsereins verständlicherweise den Spülkram, die Wäsche und andere Lappalien stehen und liegen lässt, weil ja ein Säbelzahntiger zu erledigen ist, meint also: Sportschau gucken, die Nadel des Plattenspielers zu reinigen ist oder die Flaschen der Whiskysammlung neu zu ordnen sind – dort scheinst du nicht locker lassen zu können. Puh! Natürlich muss der Kram gemacht werden. Aber muss alles jetzt sein? Sofort? Perfekt? Da ist es wichtig, dass du dich wahr nimmst. Was geht über deine Kraft, wo brauchst du Auszeiten, was wird einfach zuviel – auch weil Freund, Freundin oder Partner seinen oder ihren Anteil nicht dazu beisteuert. Wo Männer (manchmal zu) oft Spucker sind und sich laut, abwehrend oder sogar aggressiv äußern, da seid ihr wohl eher die Schlucker. Still bleiben, durchhalten, die eigenen Bedürfnisse nicht wahrnehmen und äußern und dementsprechend auch keine Grenzen ziehen. Gar nicht gut! Auch nicht für eure Gegenüber! Denn Wachstum geschieht immer nur durch Reibung – nicht durch totale Harmonie. Ihr Frauen schluckt viel zu viel und macht dann brav. Anstatt mal zu sagen: „Nö. Gerade nicht. Machst du bitte mal? Ich bin gerade alle“. Oder einfach: „Morgen reicht“.

Da du aber nun doch keine „heilige Dienerin“ durch und durch bist (Gott sei Dank!), sondern nur ein normaler Mensch, bricht sich dann das Abgrenzen und die Wut dahinter (die daraus entsteht, wenn man nicht früh genug für sich einsteht) auf nicht so feine Weise die Bahn. Und das nervt wirklich. Dann wird es gerne manipulativ oder bitter/zynisch und die Worte werden mit Spitzen gegen das Gegenüber „gewürzt“ und verletzen. Dann fallen im Gespräch Randbemerkungen („Dein Handy ist ja eh wichtiger“) und Verallgemeinerungen („Du machst ja immer…“), die jedes Gespräch killen. Wenn ich ab und an neben Gruppen von Frauen sitze, erstaunt mich immer wieder, wie negativ diese über ihre Männer und die Spezies Mann in Gänze reden. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass Männer so abwertend und verletzend über ihre Partnerinnen nicht reden. Bitte versuche es doch einmal mit klarer Kommunikation und echtem Eintreten für deine Bedürfnisse. Nicht als Ego-Trip nach der Masche: Jetzt verwirkliche ich mich selbst und gehe dabei über Leichen. Aber wenn du spürst und sagst, was du brauchst, dir wünschst, wo Grenzen sind – dann kann das dein Gegenüber auch tun und dann lassen sich prächtig Kompromisse finden. Denn um die geht es fast immer. Wenn du aber schluckst und machst und dann nach geraumer Zeit hintenrum fies und bitter wirst, weil du irgendwann merkst, dass es zu viel ist, dann wirkt eine zerstörerische Kraft in deinen Beziehungen! Entweder äußere Bedürfnisse oder mach’s, aber dann beschwer dich hinterher nicht. Dein Partner, dein Freund oder deine Freundin muss deine Bedürfnisse und Grenzen nicht erahnen können.

Klingt hart? Nein! Wir Männer verwöhnen euch sooo gerne! Wenn ihr uns anschaut und sagt: „Schaaatzi? Ich will mal in die Wanne entspannen… ich brauche mal zwei Stunden für mich – kannst du die Wäsche aufhängen, Abendessen machen, die Kids ins Bett bringen?“ – dann wird sich Schatzi fast wie Robin Hood vorkommen. Das ist knapp vor Säbelzahntiger! Er darf Retter sein! Und dann läufts! Wenn du aber alle Arbeit machst und dann Abends reichlich stinkig neben Schatzi im Bett liegst und dir denkst: „Na, der muss doch mal ahnen, was in mir vorgeht und mir helfen, tut er aber nicht, deswegen kann er mich nicht wirklich lieben…“ – nun, dann wird es eng. Und Schatzi wundert sich, weil er eine diffuse, aber für ihn unbegründete Stimmung spürt. Wenn er sozial kompetent ist, wird er sogar noch nachfragen und dann macht es bei dir „BAM!“… den Rest kennst du.

Oh Frau, mach dich doch mal locker! Hinter so vielen Verkrampftheit stecken doch meist nicht wahrgenommene Bedürfnisse, nicht oder schlecht gesetzte Grenzen (meint im Miteinander: klare Absprachen und gut gefundenen Kompromisse), und noch eins, das man dir früh eingeimpft hat und gegen das Männer immuner sind! Idealbilder. Was ihr alles sollt und müsst. Männer – wenn sie gesund rebelliert haben – sagen irgendwann (hoffentlich) zu von außen übergestülpten Idealbilder: Ihr könnt mich mal. Euch Frauen scheinen sie weit schwerer zu knechten. Viel wichtiger ist es, dass du du bist. Dich wahrnimmst. Deine Körpersignale. Deine Seele. Dein Sein. Wenn nicht du du bist, wer dann? Idealbilder versklaven, du bist aber frei und ein Original. Aus Gottes Hand meisterlich geformt. Ich wünsche dir eine gesunde Aggressivität im Ablehnen solcher Idealbilder. Tut gut. Männer mit Bauch stellen sich halt nur frontal vor den Spiegel und denken: „Och – doch gar nicht so übel“. Ihr dreht euch zur Seite – und leidet. Und wieder eine Sklaven-Kette des Ideals mehr. Mach dich locker. Du bist klasse. Wir Männer auch. Und so könnten wir es gemeinsam ein bisschen mehr genießen.