Entmutigung – die vierte: Wie wir Entmutigung in uns den Boden entziehen

christian-erfurt-sxQz2VfoFBE-unsplash.jpgIch sitze vor dem PC (bzw. Mac) und in mir greift seit heute Morgen die Entmutigung um sich. Alles färbt sich dunkel ein, was gestern noch in bunteren Farben leuchtete. Tränen steigen zwischendurch hoch. Dann arbeite ich verdrossen weiter – aber ich fühle mich taub. Wie abgeschaltet. In mir toben Stimmen, die mich runterziehen und klein machen. Was geht da ab? Und warum ist eine solche Erfahrung ein Schlüssel?
In der dritte Folge hatten wir erkannt, dass Entmutigungen von außen nur dann in uns auf fruchtbaren Boden fallen, wenn sie auf bereits vorhandene innere Überzeugungen, Sätze und dahinter stehende Wunden treffen. Aber warum geschieht das mal eine zeitlang gar nicht – und dann doch wieder? Und kann man das Risiko minimieren, dass potentiell entmutigende Umstände mich auch real entmutigen?
 
In uns allen wohnt ein innerer Kritiker. Bei manchen ist es eher ein Nörgler, Schlechtmacher oder Richter – aber wir kennen sie alle und haben auch alle unsere Mechanismen entwickelt, sie möglichst still zu halten. Indem wir lieb und artig sind – oder uns zudröhnen mit Arbeit – oder indem wir zuviel Rauschmittel, Essen, Internet in uns hinein stoßen, bis der Kritiker nur noch komatös auf seinem höchstbequemen Sofa liegt und keinen Laut mehr gibt außer: Örks. Irgendwie halten wir den Kritiker in Schach.
 
Diese Kritiker werden in uns geprägt. Manchmal durch Sätze in der Familie, manchmal durch schlimme Erfahrungen. Vielleicht waren wir aber auch nur in einer Familie, in der alle sehr diszipliniert waren und Schwäche nicht erlaubt war. Also eine normale Familie mit hohem Arbeitsethos. Dann hat sich z.B. der Kritiker in uns festgesetzt mit Sätzen wie: „Du genügst nicht. Streng dich mehr an. Du musst stark sein. Schwäche wird bestraft“. Ziemlich logisch und verständlich. Man nennt das auch Täterintrojekt. Wie halten wir diesen ätzenden Typen in Schach (ihn oder sie los werden ist unmöglich und auch nicht wünschenswert)?
 
Mit unserem Gehirn, genauer: Mit dem präfrontalen Cortex. Dem Großhirn. Dort sitzen Werte und Überzeugungen und dort geht es gesittet und logisch zu. Solange der aktiv ist, kriegen wir es hin und „funktionieren“. Zurück zu meiner Stimmungslage… ich habe heute Fastentag und damit fällt für mich eine „Streicheleinheit“ für die Seele weg: das Essen. Dazu war gestern ein anstrengender Tag, der „Pastorensonntag“ ist weggefallen und heute ist schon wieder Großkampftag. Die Todo-Liste ist lang und manches klappt nicht direkt. Stress also. Was macht Stress? Schwächt den Cortex. Wenn nun ein kleiner „Trigger“ von außen dazu kommt, nebelt der Cortex mehr oder weniger ein, man fühlt sich zunehmend dumpf im Kopf und andere (ältere) Gehirnteile übernehmen mehr und mehr die Kontrolle. Unter anderem auch das Stammhirn, in dem sehr ursprüngliche Impulse verankert sind. Kurz: Viel Stress öffnet die Tür und bittet den Kritiker freundlich, herein zu kommen und sein Werk zu beginnen.
 
Der Umkehrschluss gilt aber auch: Stressspitzen vermeiden, Ausgleich finden, eine gesunde Selbstfürsorge und -regulation sind großartige Wege, um Entmutigung vorzubeugen. Dazu später mehr.