Jean Amery – das Trauma – und unsere Heilung (Andacht zum Pogromgedenken 2020)

(Zum Verständnis: Diese Andacht war Teil eines Gedenkgottesdienstes, in dem Pfarrer Michael Kleim den politischen Brückenschlag in die Gegenwart vollzog, während meine Aufgabe der persönliche Brückenschlag zum Hörer war).

Jean Amery – hat er sich wirklich freiwillig das Leben genommen? Ist es die edle Entscheidung eines freien Mannes gewesen, nicht am Krebsgeschwür oder anderen Krankheiten sterben zu wollen? Ein Zitat von ihm verweist auf eine andere Spur – da schreibt er über die lange zurück liegende, grauenhafte Folter durch die Nazischergen: „Es ist noch immer nicht vorbei. Ich baumele noch immer, zweiundzwanzig Jahre danach, an ausgerenkten Armen über dem Boden, keuche und bezichtige mich.“

Wessen bezichtigt er sich? Dass er das überlebt hat, dass er nicht Opfer geblieben ist, sondern sein Überlebenswille gesiegt hat. Er hat das Trauma überlebt und verlassen – das Trauma aber hat ihn nie verlassen. Amery versucht, seine traumatischen Erfahrungen in seine Literatur zu gießen – ein Essayist schreibt: “Als Jean Amery den Schritt vollzog und freiwillig aus dem Leben schied, wirkte das wie eine Rückkehr zur Selbstgewissheit des Opfers. Jean Amery ist zwar 1978 gestorben, aber wohl eher in seine Bücher heimgekehrt.“

Amery war Opfer und er blieb es. Sein eigentlicher, innerer Tod fand in den Folterzellen der KZs statt, in denen er zwei Jahre verbringen musste. Im Suizid hatte das Trauma gesiegt und Amery, der sich sogar in eine fremde Sprache geflüchtet hatte, ins Französische, und eine neue Identität angenommen hatte – was für ein Versuch, neu anzufangen und sich neu zu erfinden – war endlich das Opfer geworden, das er schon früher unter den Nazis am liebsten geblieben wäre. Das Weiterleben mit einem schweren Trauma – es kann eine Qual sein.
Nun sind wir nicht Amery, wir haben keine Folter erlebt, keine Massenvernichtung – aber Trauma ist nie vergleichbar. Es ist individuell einzigartig und ernst. Jeder von uns hat Schweres erlebt und ob es sich traumatisch in uns verankert hat, das können wir nur selbst beurteilen. Gewalt wirkt traumatisch – sexuelle, körperliche und auch emotionale. Ja, die Herabwürdigung mit Worten, die Entmenschlichung, das Absprechen der Existenz, wie es manche Kinder erleben müssen, hat vergleichbare Traumafolgen wie z.B. sexuelle Gewalt. Wir entdecken in der Forschung gerade erst, wie unsere Seele und unser Körper auf traumatische Erfahrungen reagieren. Ich durfte mich in den letzten Jahren damit auseinandersetzen und bin der Überzeugung – ähnlich wie das Trauma Amery in den Suizid getrieben hat und sich seine Sehnsucht nach Opferbleibendürfen darin verwirklichte, so sind auch wir durch unsere Erfahrungen weniger frei und selbstbestimmt, als wir denken. Und: Wir können nicht beschließen, Trauma zu verlassen. Trauma hat Folgen. Es verankert sich in Seele und Körper. Und nicht wenige Menschen leben – ohne es zu wissen – in einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung. Was lernen wir daraus? Aus Amerys Geschichte? Aus dem Wissen über Trauma, das wir heute haben?

Zuerst: Nehmen wir unsere Seele ernst. Ein „weiter so“, ein „da muss man durch“ hilft weder unserer traurigen Seele, noch unserem unter Spannung stehenden Körper… Allein das einzugestehen, verlangt Mut. Loszulassen. Verletzlich zu werden. Und still zu werden. Wenn wir behutsam vortastend still werden, wenn die Wasseroberfläche unserer Seele zur Ruhe kommt und wir uns nicht mehr ablenken, dann schauen wir mehr und mehr auf den Grund des Seelensees… und das kann Angst machen. Dies vor Gott im Gebet machen zu können, ist ein wichtiger erster Schritt – bei ihm ist alles gut aufgehoben. Aber vielleicht findet sich dann auch ein Begleiter, mit dem man das zusammen mit Gott tun kann. Oder wenn extrem Schmerzhaftes hochkommt auch mit einem professionellen Traumabegleiter bzw. Therapeuten. Das Trauma in uns will wahrgenommen, gewürdigt und integriert werden… dann kann es uns verlassen und in die Geschichte unseres Lebens einfließen. Gehen wir diesen mutigen Weg nicht, werden die traumatischen Muster unser Leben insgeheim immer wieder bestimmen. Unsere inneren Sätze, unsere Beziehungen und ihr Gelingen oder eben nicht Gelingen.

Als Christen glauben wir, dass Gott durch Jesus Christus nicht nur unser Heil möchte und es schafft – also die Versöhnung zwischen Gott und Mensch, sondern dass in diesem Versöhnungsakt auch Heil-ung steckt. Gott liebt und meint den ganzen Menschen. Es geht ihm nicht um unsere Unterschrift unter einer theologischen Aussage – es geht ihm um einen gemeinsamen Weg mit uns hinein in unser Lebenshaus. Um dort Licht scheinen zu lassen, wo Schmerz, Trauer oder Wut wohnen. Um unsere verletzten Anteile zu umarmen und zu segnen und zurückzuführen in unser Leben. Auch für diesen Weg feiern wir Weihnachten und Ostern. Gott wird Mensch, damit wir in unserem Menschsein ankommen dürfen und in seiner Gegenwart verwandelt werden können. Gott versöhnt sich mit uns, damit wir uns versöhnen können – auch mit unserer manchmal schmerzhaften Geschichte. Die wird dadurch nicht richtig oder gut – aber sie kommt zur Ruhe, wird angenommener Teil von uns und gibt uns so wieder mehr Raum zum Atmen und Leben. Und genau das will Gott für dich, für Sie: lebendiges Leben.