Freiheit in versklavenden Umständen

1.Petrus 2,24-25: An seinem eigenen Körper hat er unsere Sünden an das Kreuz hinaufgetragen, damit wir für die Sünde tot sind und für die Gerechtigkeit leben können. Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden! (Früher seid ihr umhergeirrt wie verlorene Schafe.) Aber nun seid ihr zu eurem Hirten zurückgekehrt, dem Beschützer eurer Seelen.

Petrus schreibt an Sklaven, die leiden und Schläge ihrer Herrn erdulden. Mir fällt das Lesen seiner Worte schwer, denn er fordert sie auf, sich unterzuordnen, selbst wenn sie ungerecht behandelt werden. Das sei ein Zeichen der Gnade. Ernsthaft? Zwei ganz praktische Fragen kommen bei mir hoch: 1) Was kann man aus so einem Text lernen – wo wir keine Sklaven mehr sind? 2) Sind Christen denn nun allen ernstes zum Fußabtreter berufen und müssen sich alles gefallen lassen? Und dann ist da noch eine zweite Ebene, in der eine tiefe Aussage getroffen wird über unser Heil und unsere Heilung. Auch der müssen wir uns widmen, um dem Text gerechter zu werden. Also Punkt 3). Doch der Reihe nach. Lassen wir das Evangelium aufleuchten.

  1. Die Autoren der Bibel zetteln keine Revolutionen an, wie Menschen sie anzetteln würden. Mit Gewalt, Mord und Totschlag. Sie planen eine subversive Revolution der Herzen von unten nach oben. Die Bibel äußert sich durchaus zum Thema Sklaverei und nimmt die Herren in die Pflicht, ihre Geschwister nicht mehr wie Sklaven zu behandeln. Aber das Modell der Wandlung geht über die Herzen – nicht über den Aufstand. Dass dieser Aufstand trotzdem im Einzelfall dran sein kann – das haben Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer durchbuchstabiert. Die Regel ist er nicht. Damit die Sklaven nun in ihrer Rolle nicht verzweifeln, legt ihnen Petrus nahe, sich damit zu identifizieren, was Jesus vorgelebt hat. Er hat ebenfalls gelitten – ohne gewaltsamen Widerstand – und in unserem Leiden können wir uns ihm so besonders nah fühlen. Er leidet mit uns und versteht uns durch und durch. Wenn wir hilflos sind in unseren Umständen, wenn das Leben an uns rüttelt und schüttelt und wir weder kämpfen noch flüchten können – dann dürfen wir das tröstlich wissen: ER ist da, ER ist nah. Wenn wir auf dem Boden liegen vor Kraftlosigkeit, berühren wir seine durchbohrten Füße! So kann aus einer furchtbaren Situation ein Moment der Gnade werden. Psychologen nennen das reframing. Das gleiche Bild bekommt einen anderen Deutungsrahmen und so können wir auch das Bild anders wahrnehmen.
  2. Aber sind wir nun Fußabtreter und müssen uns alles gefallen lassen? Kontext! Es geht hier um Sklaven und jede Form des Widerstandes wäre gesellschaftlich einem Erdbeben gleich gekommen. Widerstand in anderen Zusammenhängen ist dagegen absolut erlaubt und sogar notwendig. Jesus widerspricht, redet Klartext, geht aus Situationen heraus, setzt Grenzen. Paulus wehrt sich und setzt deutliche Grenzen, als er zu Unrecht angegriffen wird. Grenzen setzen und Widerstand leisten ist erlaubt! Wir dürfen, wenn wir nicht ernst genommen werden, den Staub von den Füßen schütteln und auch aus Situationen heraus gehen.
  3. Und dann komprimiert Petrus das Evangelium: Jesus ist für uns gestorben, damit die Macht der Sünde gebrochen wird und wir sagen können: Die Sünde – die ist für mich gestorben. Ich diene ihr nicht mehr. Und es wichtig, das gerade dann zu sagen, wenn wir gesündigt haben. Denn die Lebensrealität soll sich ja der geistlichen Wirklichkeit anpassen und nicht umgekehrt. Wir haben nun einen Hirten, dem wir gehören und der uns beschützt. Wir sind nicht mehr abhängig von weltlichen Herrn. Und: Wir SIND geheilt. Wir werden es nicht erst sein. Indem wir uns das immer und immer wieder zu Herzen nehmen, wird sich die weltliche Wirklichkeit der geistlichen immer mehr anpassen. Unsere Wunden dürfen heilen, das verletzte Herz dahinter ebenso. Kreuz und Auferstehung meinen uns als ganzen Menschen!