Ostern – Unerwartete Kraftquelle, um anders zu leben.

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Ich laufe hinter unserem Haus nur zwei Minuten den Weg hinauf und stehe schon zwischen gewaltigen Buchen. Teilweise haben sie mehr als hundert Jahre auf dem Buckel. Sie sind Teil eines uralten Waldes rund um das Schloss in Gera. Und in diesen Wochen verwandelt sich das kahle Gehölz in ein frisches, weiches Grün, das mir entgegenleuchtet und meine Seele streichelt. Ich betrachte den Flaum auf den zarten Blättchen der Buchen. Alles beginnt aufzubrechen, sich zu entfalten, das vermeintlich tote Holz zu sprengen und Leben sichtbar zu machen. Ich bleibe stehen und staune. Atme durch. Tanke die Gegenwart des Aufbruchs aus dem winterlichen Grau. Waldbaden nennen die Japaner das, shinrin yoku. Ich gehe ein Stückchen weiter und berühre die Rinde einer Buche. Wie so viele andere Buchen auch hat sie in den letzten trockenen Sommern sehr gelitten. Kein Grün ist zu sehen. Der Forstmeister der Stadt hat sie markiert: Sie steht in der Gefahr, beim nächsten Sturm zu brechen und muss gefällt werden. Nach über hundert Jahren. So viel Aufbruch und Niedergang direkt nebeneinander. Was für eine Spannung.

Nachdenklich gehe ich weiter. Durch das Geäst wärmt die Sonne meine rechte Körperseite ein wenig und ich bleibe stehen und lasse die Sonnenstrahlen einwirken. Eine alte Dame joggt an mir vorbei. Barfuß. Ich sehe sie immer wieder einmal beim Waldgenießen und jedes Mal staune ich: Ich könnte keinen Meter barfuß auf diesem Waldweg laufen, ohne schmerzvoll aufzujaulen. Alter und Energie zugleich – wieder eine Spannung, die mich bewegt, nicht weit entfernt von den Buchen …

Ostern naht. Mein liebstes Fest, das auch von Spannungen erzählt. Die Feier der Kreuzigung und Auferstehung von Jesus. Die zahlreichen Ostertraditionen täuschen vielleicht zuweilen pastellig verhüllend über das Schmerzliche der Kreuzigung hinweg – sie weisen aber auch auf das Wesentliche von Ostern hin: Es bleibt nicht beim Tod. Es bleibt nicht Winter, dunkel, verloren. Es entsteht neues Leben. Es wird Frühling, hell, gefunden. Neues entsteht, während anderes vergeht – das ist die Botschaft der Auferstehung. Sie strahlte hell als frohe Botschaft durch die junge Christenheit. Diese blieb nicht verzweifelt bei der Kreuzigung stehen, sondern erlebte und vermittelte den Weg durch die Hingabe, durch den Tod hindurch hinein ins Leben. Paulus schrieb später, dass dadurch der Tod besiegt worden sei. Nie mehr muss die Niederlage, der Schmerz oder das Dunkel das letzte Wort behalten. Das drücken auch viele Osterrituale aus: egal ob Osterfeuer, mit denen Licht und Wärme aus totem Holz entsteht, oder Ostereier, die das neue Leben symbolisieren, das bald die Schale durchbrechen und tschilpend in die Welt torkeln wird.

Die Frage mag nun hochkommen: Warum ist diese Botschaft von Tod und Auferstehung so neu und wertvoll, damals wie heute unerhört? Ist das nicht einfach der ewige Zyklus aus Werden und Vergehen, den schon Hinduismus und Buddhismus beschrieben haben? Was bringt denn Ostern Neues mit sich? Jesus greift diesen Gedanken des Lebenszyklusses selbst schon zu Lebzeiten auf: „Ein Weizenkorn muss in die Erde ausgesät werden. Wenn es dort nicht stirbt, wird es allein bleiben – ein einzelnes Samenkorn. Sein Tod aber wird viele neue Samenkörner hervorbringen – eine reiche Ernte neuen Lebens“ (Johannes 12,24). Aha! Also doch ein Zyklus? Ja und nein. Denn es gibt einen entscheidenden Unterschied: Während im Lebenszyklus einer Pflanze der Tod für das Samenkorn endgültig ist, erlebt Jesus seine Auferstehung. Er lebt bis heute weiter, so berichtet es das Neue Testament. Es gibt also eine Kontinuität. Auch für alle anderen Lebewesen. Auch wenn sie sterben müssen, dienen sie seither nicht nur als Biomasse für neues Leben, sondern haben eine Seele, einen Wert, sind gefüllt mit Gottes Liebe. Was so wertvoll ist, darf in Gottes Gegenwart weiterleben – auch wenn es stirbt! Jesus formulierte es so: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Johannes 11,25).

Mir macht unsere Welt so manches Mal Sorgen. Doch mit diesen Gedanken stehe ich im Wald und schöpfe Hoffnung. Diese wunderbaren alten Buchen werden wohl vergehen, wenn das Klima sich weiter verändert. Aber: Diese Sorge, diese Traurigkeit über den Zustand der Welt muss und darf mich nicht lähmen, so dass ich das schulterzuckend hinnehme! Ostern gibt mir die Energie, für diese Welt anzupacken. Denn: Es bleibt nicht dunkel. Es bleibt nicht hoffnungslos. Da ist immer eine göttliche Energie in allem. Nichts vergeht einfach so. Alles ist wertvoll. Nicht zuletzt ich Mensch.

Ostern bedeutet ja: Auch wir müssen sterben. Aber wir leben weiter – weil wir gefüllt sind mit Seele und Gottes Liebe, weil die Kraft der Auferstehung auch uns ergreift. Und ich möchte deswegen anders leben. Aktiv sein für diese Welt. Sie gestalten. In Initiativen, Parteien, Strukturen, in kreativen Aufbrüchen, die diese Welt neu von Gott her, von der Auferstehung her sehen wollen. Nicht weil ich die Welt retten muss – das hat Gott schon erledigt –, sondern weil ich an Ostern teilhaben darf. Wir erleben Ostern ja nicht nur passiv, quasi als feiernde Beobachter. Wir sind ja Teil des Ostergeschehens! Wir werden eingeladen, von dem, was da geschehen ist, zu leben und unsere Kraft zu beziehen. Indem wir Ostern radikal auf uns beziehen, erleben wir den Energiefluss Gottes (Christen nennen das Heiliger Geist), wir empfangen ein neues, hoffnungsvolles Bild für diese Welt, das uns ermöglicht, kraftvoll Spuren zu hinterlassen, ohne dabei die Welt retten zu müssen und auszubrennen. Langsam drehe ich mich um. Nun wärmt die Sonne meine linke Körperhälfte. Meine Füße sind kalt geworden. Zu Hause wartet ein heißer Kaffee. Nachdenklich gehe ich den Weg hinab. Es ist Ostern.

Christof Lenzen ist Pastor, Autor und Seelsorger in Gera und hält Radioandachten für den MDR.