Verschiedene Wege zu einer Frage: Was ist Wahrheit?

„Halte die Wahrheit in Spannung und lass dich nicht in einem theologischen Camp nieder, dann machst du zu viele Kompromisse mit der biblischen Wahrheit“ (Hans Peter Royer)

„Ein Mann und eine Frau kommen zum Rabbi, weil es schlecht steht um ihre Ehe. Erst beklagt sich der Mann und der Rabbi sagt: „Du hast Recht.“ Dann beklagt sich die Frau und der Rabbi sagt: „Du hast Recht.“ Da sagten beide: „Rabbi, du bist verrückt.“ Da sagte der Rabbi: „Ihr habt Recht.“

Die Zitate sprechen eigentlich für sich. Die Wahrheit entsteht im jüdischem Kontext nicht dualistisch schwarz – weiß, entweder – oder (das ist typisch hellenistisch und modern),  – sondern findet sich in der Spannung zwischen zwei kräftigen Polen. Gott ist allmächtig und übt Vorherbestimmung – Der Mensch hat einen freien Willen und ist nicht determiniert. Beide Seiten sind wahr und die Gesamtsicht findet sich im Spannungsfeld der beiden. So ist das häufig in der Bibel. Die Spannung hält in der Abhängigkeit zu Gott und nicht zu Dogmen, die Spannung lässt tanzen, anstatt statisch zu verharren und Positionen zu sichern.

Nicht zuletzt: Gott ist immer noch größer. Und trotzdem so klein, dass er in mir Raum nimmt. Wieder ein Spannungsfeld. So ist das auch im Alltag. Entdecke deine alltäglichen Spannungsfelder und begegne Gott gerade dort! In diesem Sinne ist es sehr gut, ver-rückt zu sein.

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9 Antworten zu “Verschiedene Wege zu einer Frage: Was ist Wahrheit?

  1. Klasse Wegi!

    Jesus ist die Wahrheit und Sein Wort ist Wahrheit –
    Das ist wiederum nur unter der Leitung des Heiligen Geistes wahr.
    Alles ziemlich lebendig, was die Wahrheit betrifft… 🙂

    Segen

  2. Jesus Christus ist die Wahrheit und der Weg und das Leben und das,was in der Bibel über ihn gesagt wird ,ich verstehe nicht ,von
    welcher Spannung Du sprichst,bitte jetzt nicht böse sein.;)
    Was hälst Du von der historisch-kritischen Theologie?

  3. @Bento: danke für den Segen!
    @lore.ley: warum sollte ich böse sein…;-D? Ich habe ja Beispiele genannt: der allmächtige Gott, der trotzdem ganz klein wird. Vorherbestimmung und trotzdem freier Wille. Gnade und trotzdem Wahrheit. Imperativ und Indikativ – also Zusage und Anspruch. Das alles sind Spannungsfelder, die wir gerne in eine Richtung auflösen, um sie besser unter die Füße zu kriegen und so entstehen dann Theologien. Luther hat deswegen den Jakobusbrief fast aus der Bibel geworfen, weil er eben die Werke betont und nicht nur die reine Gnade. Dabei sind Gnade und Werke auch wieder ein Spannungsfeld… so könnte man jetzt weiter machen: das Reich Gottes ist jetzt schon da, aber eben doch noch nicht so, wie es eines Tages sichtbar wird. Uswusw – ich hoffe, es ist deutlich geworden, was das heisst: Spannungsfelder. Das Rabbi-Beispiel macht es schön deutlich..;-)

  4. Spannungsfelder können ganz schön unangenehm sein und sogar oft beängstigend. Der natürliche Mensch möchte sie umgehen oder auflösen. Pilatus hat das versucht mit seiner Frage: „Was ist Wahrheit?“
    Spannungen müssen ausgehalten werden, ohne sie existiert kein Leben. Im Augenblick des körperlichen Todes tritt die totale Ent-Spannung ein. Nachdem ich diesen Vorgang zum ersten Mal miterlebt hatte, bin ich geradezu dankbar für die emotionalen und geistig-seelischen Spannungen in meinem Leben.

  5. Das entweder – oder ist eine Machtposition, die darauf aus ist, dass einer Recht hat, ein sowohl – als auch ermöglicht das Suchen nach Kompromissen, das gilt für mich sowohl in theologischer als auch in allgemein-menschlicher Hinsicht, wobei für mich die Grenzen fließend sind.
    Einen spannungsreichen, friedlichen Tag im sowohl -als auch!

  6. Ein schönes Thema! Dazu passt eins meiner Lieblingszitate von Oscar Wilde: „Der Weg des Paradoxes ist der Weg zur Wahrheit. Um die Wirklichkeit zu prüfen, muss man sie auf dem Seil tanzen lassen.“ Dieses Bild mag ich sehr.

  7. Hallo ,ich bin erleichtert ,dass Du nicht böse warst .Das Rabbibeispiel finde ich aber nicht passend. Jesus Christus ist schon der einzige Weg zum Vater,und
    gleich zeitig selber Gott zusammen mit dem Heiligen Geist.Da muß,kann man /frau
    schon sagen ,das ist die objektive Wahrheit,die W i r k l i c h k e i t,und zwar für jeden einzelnen Menschen
    in diesem Universum.Wenn Du jetzt böse wirst,kann ich das verstehen,dann hörst Du nicht mehr von mir hier in Deinem blog.Das Rabbibeispiel ist meines Erachtens schon witzig,wobei ja ,wenn
    ich das richtig verstanden habe;),es darum geht,zu zeigen,wie subjektiv zwei,die
    sich streiten,dieses aus ihrer Sicht darstellen und es empfinden.Ja,aber wer wird
    den beiden nun helfen?Ein verrückter Rabbi?Danke noch mal im voraus für Deine
    höfliche Rückmeldung eben.Kann es sein,und es ist möglich ,dass ich mich irre,
    Dass Du was verwechselt hast?Modernes Denken ,seit der Renaissance(die sich
    ja wiederum auf die Antike bezieht),seit der Aufklärung und dem technischen- Fortschritt-Zeitalter(ich weiß,daß ich hier bißchen grob zusammenfasse)“modernes“
    Denken bedeutet doch geradezu mehrere Wahrheiten zuzulassen(zb Lessing mit den
    Toleranzaussagen in Nathan der Weise).

  8. @lore.ley: Philipper 2 bringt es auf den Punkt: Müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten Willen hinaus (Philipper 2,12b.13). Hier sind in einem Vers zwei Pole untergebracht, die nicht zusammen passen. Sich mühen – also eigene Leistung und absolute Gnade – Gott macht alles. Das jüdische Denken denkt vereinfacht in sowohl als auch Kategorien – das hellenistische Denken bis in die Moderne denkt entweder – oder. Die Postmoderne im Extrem macht daraus ein Nebeneinander von Wahrheiten, das so die Bibel nicht kennt. Die sagt nicht: es gibt mehrere Wahrheiten, aber die Wahrheit ist auch kein Dogma, sondern eine Person, Jesus Christus. Diese Wahrheit ist dynamisch und auch nur in der Beziehung erfahrbar. Natürlich stehen die Heilswahrheiten fest – ihr Vollzug aber ist ein dynamischer Prozess, der sich in diversen Spannungsfelder vollzieht und eben nicht nur ein Festhalten als Heilswahrheiten. Jesus will keine Verehrer, sondern Nachfolger. Die Postmoderne wird für die Art des jüdischen Denkens wieder offener (auch wenn sie es dann überspannt).

  9. Der jetzt auch noch (Grins)
    Ich bin an einem kleinen Nebensatz hängen geblieben und möchte diesbezüglich etwas ergänzen. Den Unterschied zwischen hellenistischem und jüdischem Denken finde ich gut dargestellt. Allerdings entsteht so manches „sowohl“ als „auch“ im jüdischen Denken auch durch uns heute:

    Im alttestamentlichem jüdischen Kontext wird – wie du schreibst – garnicht von „Allmacht Gottes“ gesprochen. Da ist der Semit viel vorsichtiger. Unser abstrakter deutscher Begriff „Allmacht“ bezieht sich auf „omnipotenz“ (Latein). Solche abstrakten, zeitlosen Begriffe kennt das Alte Testament eigentlich nicht.
    Es spricht allerdings sehr wohl von Gottes mächtigem (!) Handeln, aber nur in einer bestimmten zeitlichen Situation.
    Hinter dem lat. Begriff „omnipotenz“ verbirgt sich übrigens der griechische Begriff „Pantokrator“. Das meint aber schon etwas anderes. Ich kann „Allherrscher“ sein und doch nicht „Alle Macht“ haben. Es geht – infolge dieser sprachlichen Veränderung von „Pantokrator“ zu „omnipotenz“ nun also nicht weiter um das, was Gott wirklich tut, z.B. das Erhalten der Welt, sondern um Gottes mögliches Tun. Der Begriff der Allmacht wird also weiter entzeitlicht und ungeschichtlich verstanden. So wurde aber zu Zeiten des AT – wie erwähnt – nicht gedacht. Es wäre hier vielleicht besser, den Begriff „omnitenens“ zu verwenden.
    Dieser Begriff „Pantokrator“ stammt übrigens wiederum aus der Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta. Dort kommt Pantokrator etwa 180mal vor, wobei er etwa 120mal für das hebräische „Zebaoth“ steht. Die Übersetzung von „Zebaoth“ mit „Pantokrator“ (Allherrscher) stellt bereits schon eine deutliche Verstäkung dar!
    Auch der Gottesname „schaddaj“ wird mit „Pantokrator“ übersetzt. Dies ist jedoch eher eine Ersetzung aufgrund von Unkenntnis der wahren Bedeutung von „schaddaj“.

    Der heutige , auf Gott bezogenene, Allmachtsbegriff ist ein Ergebnis aus der Zeit der Alten Kirche, wie z.B. im Apostolischen Glaubensbekenntnis ersichtlich.

    Für den Begriff „Wahrheit“ gilt: Egal ob AT oder NT – der biblische Wahrheitsbegriff wird immer „personal“ verstanden. Alles andere später ist lediglich eine Übernahme der platonischen Wahrheitskonzeption.

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