Gemeinde Christi – ein Schiff, von Nieten zusammengehalten – mit Christus an Bord

Jesus hörte das und gab ihnen zur Antwort: “Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um die Gerechten zur Umkehr zu rufen, sondern die Menschen, die voller Schuld sind.” (Markus 2,17; BB)

“Jesus, zu dir kann ich so kommen wie ich bin…” – dieser auch nicht mehr ganz taufrische Songtext steht für eine Entwicklung weg von frommen Fassaden, religiöser Scheinwelt hin zu einem Echtsein, mit seinen Wunden kommen dürfen – auch mit Schuld. Doch seien wir ehrlich: Die christliche Gemeinde ist ein ganz schönes Biotop von Chaoten, Verwundeten, manchmal Lernunfähigen und Stolpernden. Das kann ganz schön müde machen. Da wünsche ich mir doch eine Gemeinde der Starken, die das Leben im Griff haben, die voran kommen. Wäre nicht alles viel einfacher? Und es gibt ja auch die Gemeinden, die das propagieren: Power, Stärke, Sieg, Vorankommen.

imageUnd dann schaue ich heute morgen in den Spiegel… Und Gott spricht zu mir: Lieber Christof – dann verlass du zuerst diese Gemeinde. Denn du bist ja zuerst verwundet, bedürftig, stolpernd. Manchmal mehr als andere. Geh! Und weißt du was? Ich geh mit. Denn ich bin gerne bei denen, die es nicht drauf haben. Nachdenklich lasse ich den Rasierer senken und spüle ihn aus. Gott spricht weiter zu meinem Herzen: Weißt du, ich möchte gerne Menschen heilen – aber wenn das zu einer Stärke unabhängig von mir führt und einem fehlenden Bewusstsein, ein Leben lang verwundet und bedürftig zu sein – gar nicht gut! Denn dann zählt letztlich doch wieder Leistung, nicht Gnade. Und wenn ihr zu Lebzeiten mit der Heilung fertig würdet – wozu dann der Himmel! Nein – du wirst stolpern und fallen und heilen und siegen. Und deine Schwestern und Brüder auch. Ich bin dabei.

Du bist nicht mehr verdammt! Egal was passiert!

Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr. (Johannes 8,11; LUT84)

Jeder Christ kennt Verhaltensweisen, die zerstörerisch sind und nicht nach Gottes Willen. Sei es eine mehr oder weniger geheime Sucht (nach Erfolg, Anerkennung, Kaufen, Essen, Pornographie) oder Gewohnheiten, die nicht gut tun, wie Klatsch und Tratsch, Stolz, Neid. Doch wie kommt man von ihnen los? Wie geschieht Veränderung?

imageDie erste Antwort wäre vermutlich: Anstrengen. Dass das zu nichts führt, sagt die Bibel eindeutig. Ist aber in einer Leistungsgesellschaft immer die erste Alternative. Die zweite Antwort könnte sein: Mehr glauben. Du bekommst eine lästige oder sündige Eigenschaft oder Verhaltensweise nicht los? Dann musst du mehr beten, mehr glauben, Loblieder singen. Das klingt dann fromm und gut – ist aber doch wieder ein “mehr” – und damit: Leistung. Jesus nennt eine ganz eigene Voraussetzung für das nicht mehr sündigen. Freiheit von Verdammnis – man könnte auch sagen: Beschämung.

Die Frau rechnet nach dem Ehebruch mit der Steinigung und den Schmähungen der Menschen. Doch sie schweigen nach Jesu Eingreifen. Keine Verdammnis. Dann rechnet sie mit der Verurteilung des Rabbis Jesus. Doch auch der: verdammt und beschämt nicht. Und zeigt damit einen Gott, der dieses auch nicht mehr macht. Kannst du dir das vorstellen? Wir lesen hier ganz schnell die Aufforderung von Jesus, nicht mehr zu sündigen (Leistung!), aber übersehen die Freiheit von Verdammnis. Wenn du hundertmal in Sünde fällst – Gott runzelt nicht die Stirm, verdammt dich nicht, beschämt dich nicht. Schaut dich weiter liebevoll an. Das zu verinnerlichen – und es den eigenen anklagenden Stimmen zu sagen, das führt in die Freiheit.

Schaf sein – nicht schaffen wollen. Wie Gott Rechtschreibfehler nutzt…

“Der Herr ist mein Hirte, darum leide ich keinen Mangel.” (Psalm 23,1; NGÜ)

Manchmal führen mich Schreibfehler auf die richtige Spur. Gott hat Humor und ich sehe ihn in solchen Momenten vor mir, wie er mich genau einmal falsch tippen lässt oder die Rechtschreibprüfung meines iPads seltsame Dinge tun lässt. Dann sitze ich da und fasse es nicht. Und Er lächelt liebevoll amüsiert vor sich hin. So auch diesmal.

imageIch sitze hier ziemlich erschöpft in schwerer Zeit – und schreibe die Worte: Ich schaffe das irgendwie. Doch etwas läuft schief – denn da steht plötzlich: Ich schafe das irgendwie. Ich habe in diesem Moment gerade vermutlich genauso auf mein iPad geschaut: wie ein Schaf. Doch dann stimmte ich in das Lächeln Gottes ein. Ich darf Schaf sein – dann schaffe ich es. Will ich Hirte meines Lebens sein, verleugne ich meine Geschöpflichkeit. Wie paradox ist das: Wenn uns das Leben entgleitet, versuchen wir krampfhaft Kontrolle zu erlangen. Und gleiten damit noch ein Stück weg vom Geschöpf hin zum Schöpferseinwollen und vom Schaf zum Hirten. Wir greifen zur Selbsthilfe und landen in der Autonomie, anstatt zu Gottes Hilfe zu greifen und sich in die heilsame Abhängigkeit von ihm fallen zu lassen. So betrachtet werden schwere Zeiten zu Lehrzeiten, wo wir uns immer noch als Macher unseres Leben empfinden – anstatt das zu sein, was wir existentiell sind: unendlich geliebter Staub.

Der Schwerkraft hin zur Kontrolle, zum Funktionieren, zur Selbsthilfe zu widerstehen – sich stattdessen als Schaf in die Obhut des Hirten zu begeben und wieder zu erleben: In der tiefsten Abhängigkeit von Gott findet sich die größte Freiheit, Kreativität, Freude und Kraft. Schau auf diese Gaben – und du verlierst sie. Schau auf den Hirten – und du empfängst sie.

Du bist IMMER würdig, auf dem Schoß des Vaters zu sitzen oder: der Skandal der Gnade.

Und was ihm (Jesus Christus) den Weg ins Heiligtum öffnete, war nicht das Blut von Böcken und Kälbern, sondern sein eigenes Blut. Ein einziges Mal ist er hineingegangen, und die Erlösung, die er bewirkt hat, gilt für immer und ewig. (Hebräer 11,12; NGÜ)

Aus sich heraus ist kein Mensch würdig, Gott zu dienen. In Christus ist jeder Mensch würdig, Gott zu dienen – unabhängig von Zerbruch, Versagen, Zweifel und Kampf. Ganz neu wird mir der Skandal der Gnade neu bewusst an diesem Morgen. Jesus Christus hat eine Gerechtigkeit, eine Erlösung geschaffen, die für “immer und ewig” gilt.

imageAn dieser Stelle könnte man nun ein bekanntes Bild dafür verwenden: Die Eltern, die ja auch ihr Kind niemals verstoßen, auch wenn es krumme Wege geht und rebelliert. Leider hinkt dieses Bild. Ich kenne aus meiner seelsorgerischen Praxis Eltern, die es eben nicht ertragen, wenn das Kind eigene Wege geht . Stattdessen den Kontakt abbrechen, verurteilen, manipulieren.

Dagegen möchte ich in dieser Andacht das “wie viel mehr wird Gott” ausrufen! Wenn du zu den Kindern gehörst, die das erleben mussten, halte deine Wunden dem Vatergott hin, den uns Jesus Christus zeigt. Wenn Eltern im Normalfall immer Eltern bleiben, auch wenn ihre Kinder seltsame und schmerzhafte Wege gehen – wie viel mehr handelt Gott so, der sich selbst nie von seinen Zusagen dir gegenüber lösen wird! Die Zusage steht: Du bist rein, gerecht, erlöst, Kind. Du kannst Jesus nicht mehr vom Kreuz holen! Wenn du dir unwürdig vorkommst – geh zum Kreuz und zur leeren Grabhöhle Jesu. Es gilt. Für immer. Du bist und bleibst würdig, mit Gott in intimer Gemeinschaft zu leben und ihm zu dienen. Und wenn du fällst – es trennt dich nicht mehr vom Vater. Nutze dein Versagen als Treibstoff, um nur noch schneller auf seinen Schoß zu krabbeln.

Lass dir von Gott die Schrammen bepusten… Er kennt dich!

Doch für die Seinen ist der HERR voll Güte, eine sichere Zuflucht in Zeiten der Not. Er kennt alle, die bei ihm Schutz suchen. (Nahum 1,7; GN)

Wohin flüchtet sich ein Kind, wenn es sich weh getan hat? Hoffentlich vertrauensvoll zu Mama oder Papa und liebe Eltern – auch wenn die Schramme noch so klein ist – die wird bitte ernst genommen, nicht relativiert und dann gebührend bepustet! Aber wo geht ein Erwachsener in seiner Not hin?

imageViele Erwachsenen haben gelernt, in der Not allein zu sein. Viele Frauen und Männer haben gelernt: Ich muss stark sein und mein Leben im Griff haben. Not löst das einsamer-Wolf-Syndrom aus und man kämpft still – anstatt Bindung zu suchen an ein tröstendes Gegenüber. Was micht nicht umbringt macht mich härter und: Interessiert doch keinen. Andere haben sowieso viel größere Probleme!

Not ist aber immer subjektiv massiv belastend und nicht zum Vergleich geeignet. Wann ist denn Not Not genug, um Trost empfangen zu dürfen? Aber unsere Erfahrung kann in der Tat sein: Not macht einsam. Und nicht wenige fühlen sich in der Not auch von Gott verlassen. Dahinter steht unterschwellig ein magisches Denken: Wenn ich doch fast alles richtig mache, dann muss ich doch gesegnet werden? Andersherum: Wenn ich Not erfahre, was habe ich falsch gemacht? Scham entsteht – und mit der geht man nicht zu einem heiligen Gott… Eine tragische Verkettung kaputter Gottesbilder entsteht, die mit dem Gottesbild der Bibel nichts zu tun haben.

Unser Vers sagt das Gegenteil: Renn mit deiner Not reflexartig zu Gott! Er kennt jeden persönlich, der da kommt. Sprich: Er sagt nicht: “Bleib mir bloß von Leibe, wie du drauf bist!”. Gott spürt und liebt das kindliche Anvertrauen in Notzeiten und ermutigt: Komm! Einfach so. So schnell wie es geht. Ich werde deine Schrammen bepusten…

Du bist ein Stäubling – oder: Von der Wohltat, von der Erde genommen zu sein.

Der erste Adam war aus dem Staub der Erde gemacht; der zweite Adam hat seinen Ursprung im Himmel. (1. Korinther 15:47 NGÜ).

imageAdam heißt schlicht Mensch. Aber es heißt noch mehr. Das Hebräische adamah bedeutet: Erde, Staub. Das heißt der Mensch ist ein Erdling, ein Staubling. Erst durch den Lebensatem Gottes bekommt er Lebenskraft und so steht über ihm am Abschluß seines Schöpfungstages das: Sehr gut! Wir sind unendlich geliebter Staub. Darüber nachzudenken ist alles andere als Selbstzerfleischung – es ist Realismus und Befreiung! Als Eva schwanger wird und einen Sohn gebiert, ruft sie aus: Ich habe einen Mann geboren mit der Hilfe des Herrn. Da ist die tiefe Abhängigkeit von Gott noch deutlich zu spüren. Wer darum weiß, dass er oder sie unendlich geliebter Staub ist – der bleibt in einer tiefen und existentiellen Abhängigkeit von Gott. Für Staub ist Gebet nicht geistliche – seien wir ehrlich: manchmal langweilige – Übung, sondern tagtäglicher und ständiger Ausdruck der Bedürftigkeit.

Dabei geht es beim bewussten Stäubling-Sein nicht darum, sich selbst klein und demütig zu machen und in den Staub zu drücken. Da sind wir längst – das müssen wir nicht tun! Es geht vielmehr darum, zu begreifen und es zu bestaunen, dass wir trotz Stäubling-Seins eine solch große Würde bekommen haben. Dass wir so wertvoll in Gottes Augen sind! Wer das sacken lässt, der WILL einfach beten. Aus existentieller Bedürftigkeit und staunender Anbetung. Mit Jesus Christus steigt diese Wertschätzung ins Unermessliche. ER selbst gibt sich, damit wir ewig leben dürfen. Zum Lebensatem kommt der Geist selbst. Wir werden zu Tempeln. Staubigen Tempeln. Es lohnt sich, den Staub zu bedenken. Still zu werden und zu staunen. Es macht frei, loszulassen und sich ganz hinzugeben.

Grausame Geburtswehen einer seufzenden Schöpfung. (Gedanken zum Massaker in Charleston)

Wir wissen allerdings, dass die gesamte Schöpfung jetzt noch unter ihrem Zustand seufzt, als würde sie in Geburtswehen liegen. (Römer 8,22; NGÜ)

Das Frühstücksbrot bleibt mir im Halse stecken. Ein vermutlich rassistisch motiviertes Massaker in einer amerikanischen Methodistengemeinde in Charleston. Ein Weißer hat dort neun Besucher eines Bibelkreises wahllos erschossen. Das, was ich dort lese, geht so nah, weil es sogenannte “zivilisierte” Welt ist – so wir unsere in Deutschland. Nicht irgendein entfernter islamistischer Staat, in dem solche Übergriffe auf Christen leider Alltag sind. Doch wo ist Gott in all dem?

imagePaulus macht deutlich, dass diese Welt eine seufzende und leidende ist. Sie sehnt sich der Erlösung, der Herrlichkeit, der Freiheit entgegen, die mit Jesus Christus in diese Welt gekommen ist, die aber erst in einer neuen, verwandelten Welt zu 100% zur Erfüllung kommen wird. Vorher erleben wir Geburtswehen. Immer wieder schmerzhafte, sich steigernde Schmerzen, dann wieder ruhigere Phasen. Aber die Abstände werden kürzer – müssen es werden. So sind Wehen und so habe ich es miterlebt bei der Geburt unserer beiden Kinder. Aber das Neue ist bereits da, nur noch nicht in Gänze sichtbar. Kirche, Gemeinde, Christen, überall wo Gott am Werk ist – das sind die Ultraschallbilder des Neuen, das Gestalt gewinnt. Diese Bilder machen fröhlich, lassen jubeln – aber das Heil für die Schöpfung steht eben noch aus. Zeit der Geburtswehen.

Gott kennt den Zeitplan der Geburt. Er befiehlt weiter Gnadenzeit, in der die Ultraschallbilder herum gezeigt werden sollen. Damit noch mehr Menschen froh werden und Hoffnung gewinnen. Parallel kommt die nächste Wehe. Schmerzhaft, quälend. Die Geburt rückt näher. Herr, du bist mitten drin. Erbarme dich.