Wie man besser nicht mit Leidenden, Depressiven, was auch immer reden sollte…

Belehrt mich doch, dann will ich gerne schweigen. Wo hab ich mich vergangen? Sagt es mir! Durch Wahrheit bin ich leicht zu überzeugen, doch euer Redeschwall beweist mir nichts! Wollt ihr mich wegen meiner Worte tadeln und merkt nicht, dass Verzweiflung aus mir spricht? (Hiob 6,24-26; GN)

Hiobs Freunde haben es wirklich gut gemeint. Haben das Elend dieses redlichen Mannes Gottes aus dem wohl ältesten Buch der Bibel gehört und nach ihrem Erklärungsmodell versucht, zu „lösen“. Du musst gesündigt haben – ansonsten würdest du so nicht gestraft! Aus a folgt eben b. Und so hat einer der beiden Freunde, Elifa, den armen Hiob mit einem Redeschwall überhäuft, was alles mit denen passiert, die nicht gehorchen, die Unrecht tun und vieles mehr. Denen gehts übel. Hiob hört’s und denkt sich: „Naja, der wird wohl mich damit meinen!“. Genau. Das tut er.

engelNun könnte man glauben, dass hier nur der genervte Hiob spricht, der nur die Wahrheit nicht hören will. Doch weit später nach vielen weiteren Redeschwallen der Freunde kommt ein dritter Freund und letztlich Gott dazu – und auch diese kommen zu dem Urteil: Tolle Freunde seid ihr! Doch was machen sie eigentlich falsch? Was lernen wir daraus im Umgang mit Menschen, die leiden? An sich selbst, an Depression, an Liebeskummer, an was auch immer…

Sie spüren Hiobs Verzweiflung nicht. Sie suchen direkt nach der Lösung! Da ist die Ursache – löse sie – Problem weg. Aber so einfach ist die Welt nicht. Auch nicht im Glauben! Hüten wir uns vor billigen Antworten auf komplexe Fragen. Es fängt dagegen beziehungsorientiert an. Im Zuhören, spüren der Verzweiflung, ernst nehmen. Erst wenn das geschehen ist – vollkommen unverzweckt – darf auch echte Wahrheit und Weisheit genannt werden. Dann dient sie und verletzt nicht.

Raus aus dem Opferstatus – rein in die Würde!

Alles, was ihr tut, soll von der Liebe bestimmt sein. Denn auch Christus hat uns seine Liebe erwiesen und hat sein Leben für uns hingegeben wie eine Opfergabe, deren Duft vom Altar zu Gott aufsteigt und an der er Freude hat. (Eph 5,2; NGÜ)

„Ey, du Opfer!“ Ich zucke zusammen, als ich diesen halblauten Ruf von einem Jungen höre, der ihn einem andern Jungen hinterher ruft. Der duckt sich und schlufft zügig mit roten Ohren davon. „Opfer!“ Das hört man nicht gern. Ein furchtbares und recht bedacht menschenverachtendes Schimpfwort. Weil wir eine Gesellschaft sind, die Opfer kennt und sich manchmal viel zu wenig um sie kümmert. Mit solchen Sprüchen werden Opfer zusätzlich gedemütigt und stigmatisiert. Opfer wird zur Kategorie minderwertig.

fußEs gibt aber auch das Gegenteil: Immer mehr Menschen findet sich in einer Opferrolle zurecht. Auch ich kann mich zeitweise davon nicht freisprechen. Getrieben von Umständen, Prägungen, Zwängen, Terminplänen empfinden wir uns als Spielball, der hin und her gekickt wird. Allein die Vorstellung bereitet mit Kopfschmerzen. So verständlich dieses Empfinden auch ist – es wird allzu leicht zur Identität, in der man sich zwar zurecht findet, die aber festlegt und lähmt. Getrieben, passiv, schwach aus Prinzip, bedürftig.

In Christus finden Schwache und echte Opfer Würde und Schutz. Die aber, die sich ins Opfersein hinein begeben, dürfen sich gefallen lassen, dass es bereits ein Opfer gegeben hat, das genügt hat: Jesus Christus. Seitdem sind wir heraus gerufen, mit ihm zusammen lebendig zu sein (Römer 12,1), Leben zu gestalten und vom Spielball zum Spieler zu werden. Das ist die Berufung und Würde eines Königskindes in Jesus Christus. Nicht weniger.

Ertragt einander in Liebe – das fängt bei dir an! Mit deinen Dunkelheiten in dir…

Wandelt würdig der Berufung, mit der ihr berufen worden seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander in Liebe ertragend! (Epheser 4,1b.2)

An Reibungen entsteht Wachstum – wenn man es zulässt! Denn es gibt auch Alternativen. Rückzug zum Beispiel. Das Ideal eines stressfreien und harmonischen Lebens pflegen. Kritik, Konflikt? Dann gehe ich lieber. Natürlich gibt es Grenzen – wenn Menschen permanent Grenzen überschreiten, dann kann es auch dran sein, sich klar abzugrenzen. Mein Eindruck ist: Das geschieht heute sehr schnell. Da ist wenig Kraft und Wille, Dinge zu klären. Ich beobachte gerade in kraftlosen Phasen diese Fluchttendenz auch bei mir.

matchSich in Demut und Langmut, in Liebe ertragen, das klingt nicht gerade nach einem Selbstverwirklichungsmodell. Und deswegen ist es wohl auch nicht gerade „in“, was Paulus hier schreibt. Gerade deswegen aber umso wichtiger – weil sich ja dieser Unwille zum Annehmen und Ertragen in Langmut und Liebe IN uns wieder findet! Ich behaupte: Hier beginnt er bei den meisten! Meine dunklen Seiten, die trotz meines christlichen Weges, der Gnade Gottes immer noch in mir schlummern, die nicht abzuspalten (das bin ich nicht, darüber denke ich nicht nach), sondern in Demut anzunehmen und zu tragen – in Liebe. Weil Christus mich trotzdem berufen hat und mich mit Gnade überhäuft – das ist ein wichtiger Reifeschritt des Glaubens. Wenn ich mich dem verweigere, dann werde ich unweigerlich meine dunklen Seiten, die mich nerven, auf andere projizieren und da die anderen ja so schrecklich sind, mich irgendwann zurückziehen oder bitter werden.

Ertrage deinen Ist-Zustand. In Liebe und Demut und halte dich der Gnade Gottes hin. Das hilft auch beim zweiten: Den Nächsten zu ertragen und dran zu bleiben an den Reibungen von Gemeinschaft.

Nicht um Wachstum kämpfen – bessere Wachstumsbedingungen schaffen!

Sie sind wie Bäume, die am Wasser stehen und ihre Wurzeln zum Bach hin ausstrecken. Sie fürchten nicht die glühende Hitze; ihr Laub bleibt grün und frisch. Selbst wenn der Regen ausbleibt, leiden sie keine Not. Nie hören sie auf, Frucht zu tragen. (Jeremia 17,8; GN)

Ich streife durch die Gassen von Palma und biege um eine Ecke und stehe – vor einem riesigen Ficus. Ficus – das kennen Studenten vielleicht noch aus ihrer Studentenbude – sind die vielleicht einen Meter hohen Bäumchen, die es auch mal aushalten, wenn sie eine Woche kein Wasser bekommen. Was häufig passiert. Die kleinen Blätter verstauben langsam und seien wir ehrlich: Irgendwann wandert er als verzweifeltes Gestrüpp in den Kompost. Nicht ohne schlechtes Gewissen, wieder einen Ficus auf dem Gewissen zu haben.

ficusDa stehe ich also vor einem Ficus. Stammumfang getrost 10 Meter. Über 100 Jahre alt. Er wird in Palma Ficus de La Misericordia genannt, Ficus der Barmherzigkeit. Eine beeindruckende, riesige Krone spendet über mehr als 20 Meter bestimmt Schatten. Ich stutze. Sehe im Geiste meine Studentenbude als Grabkammer des Ficus benjamini und dann diesen Ficus. Was für ein Unterschied! Aber warum? Eine andere Art dieser Gattung – sicherlich. Aber vor allem: andere Wachstumsbedingungen. Mehr Licht, Wärme, Luft. Wie so oft im Süden – was hier vor sich hinkümmert, erreicht dort geradezu gigantische Ausmaße.

Übertragen auf mich? Nun – mein Glaube hat denselben Grund wie bei jedem anderen Christen: Jesus Christus. Unsere Aufgabe, und das macht den Unterschied, ist es, für gute Wachstumsbedingungen des Glaubens zu sorgen, damit er gedeihen kann! Gemeinschaft, Mut zum Denken und Fragen, Gebet, Stille, Glauben unter Alltagsbedingungen – all das und viel mehr lässt: wachsen. Und nicht vor sich hin kümmern.

Fakten und Wahrheit – bitte auseinander halten! Gerade als sensibler Mensch wichtig…

Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8,32; NGÜ)

Ich bin ein Tatsachen-Freund. Was ich sehe, spüre, fühle, höre, sehe – das ist wichtig für mich. Und da ich ein sensibler Mensch bin, ist das nicht wenig! Tausende Gedanken, Gefühle, Eindrücke. Manches rauscht einfach so durch – manches landet aber auch in Hirn und Herz und beißt sich schmerzhaft fest. Das tut dann weh, wenn ein Mensch etwas Herabwürdigendes über mich sagt. Oder ich bekomme plötzlich Versorgungsängste, wenn ich arbeitslos werde. Ich spüre, dass mein ältester Sohn langsam eigene Wege geht und das ich ihn nicht mehr „kontrollieren“ kann, vertrauen muss und das löst Panik aus. Jeder hat da so seine wunden Punkte. Ich glaube, wenn man nicht ganz hart geworden ist, spürt man bei sich diese Schwankungen!

strasseUnd das ist auch gut so! Wir dürfen uns wahrnehmen. Aber wenn es dabei bleibt – auweia! Denn Glaube – und wir sind ja als Christen Kinder eines anderen Reiches – ist nicht in den Fakten und Tatsachen verankert, sondern im Bereich der Wahrheit. Der geht weit über den Bereich der Tatsachen hinaus. Tatsache kann sein: Ich bin arbeitslos. Das zieht mich runter. Wahrheit dahinter ist aber: Gott meint es gut und ist mein Versorger! Wir spüren – Wahrheit geht tiefer und schaut in eine andere Dimension. Wenn ich bei den Tatsachen, also den Fakten und Gefühlen und Eindrücken bleibe, dann lebe ich nicht anders als ein reflektierter Atheist.

Meine Verantwortung ist es aber, die Wahrheit dahinter in den Blick zu nehmen. Die meiner Seele zuzusprechen. Und zu erfahren: Das holt mich raus in die Gebundenheit an die Dinge dieser Welt und macht mich frei, ruhig und geborgen in Christus. Wer das erlebt – für den beginnt eine andere Dimension, ein Abenteuerland!

Balance – Stille und Lebendigkeit – Tanz der Spiritualität

Sie gehören nicht zu dieser Welt, so wie ich nicht zu ihr gehöre. (…) Ich sende sie in die Welt, wie du mich in die Welt gesandt hast. (Johannes 17,16.18; GN)

Ich streife durch die wuseligen Gassen Palmas. Eine herrliche Altstadt voller Vielfalt, kleiner Geschäfte, neuer Gerüche und überbordender Farbenpracht und Kreativität. Ich biege um eine Ecke und stehe plötzlich auf einem Hof, an dessen einer Seite eine eher unscheinbare Kirche liegt. Die anderen Seiten sind von Häusern umgeben – nur einen Zugang hat diese Quadrat der Ruhe. Ruhe – weil mich urplötzlich, mitten in der Stadt eine kühle Stille umgibt , die ihrerseits ganz still macht! Ich bleibe stehen, sauge auf. Herrlich! Nach einer viertel Stunde verlasse ich dieses Idyll und biege um die nächste Ecke zurück ins pralle Leben.

palmaManchmal überkommt mich der Gedanke, dass solche Ruheoasen das Paradies sein müssen. So ein wenig zumindest. Und nicht wenige Christen haben je genau diesen Schritt im Laufe der Kirchengeschichte gewählt und sind in die absolute Stille gegangen. Ins Kloster, in die Einöde. Ich glaube, dass das – zumindest für mich persönlich – ein Irrweg ist. Ich halte mehr von ruhigen Innenhöfen, die ich gerade deswegen genießen darf, weil daneben auch das aufregende und wuselige Leben stattfindet, in dem ich nach dem Willen Gottes Salz und Licht sein soll. Beides erlebe ich gerade in dieser Spannung fruchtbarer und intensiver. Es ist eben “in der Welt” und gleichzeitig wie “nicht von dieser Welt”. Das Eine korrigiert das Andere. Die Welt erdet mich in meinen geistlichen Höhenflügen – die Stille und Abgeschiedenheit füllt mich neu mit dem, was ich wirklich brauche. Die Balance – dieser Tanz aus Spannung und Entspannung – das ist die Kunst!

Hör auf zu fotografieren! Lebe unmittelbar!

Du sollst dir kein Gottesbild anfertigen. Mach dir kein Abbild von irgendetwas im Himmel, auf der Erde oder im Meer. (5. Mose 5,8; GN)

Hör auf zu fotografieren! Hallo? Ist das nicht ein Widerspruch zur Andacht gestern? Nein – eher der dringend notwendige Gegenpol! Ich werde das erklären. Ich bin auf Einkehr und auf meinen Wanderungen ist das Smartphone immer griffbereit – nicht für die sozialen Medien – sondern um zu fotografieren. Herrliche Momente und Stimmungen festzuhalten und darin zu schwelgen. Doch irgendwann kippt das Ganze! Aus dem spielerischen nebenher fotografieren wird fast eine Notwendigkeit. Ich spüre, wie ich meine Umgebung nur noch indirekt, durch den Blick des Objektivs, also quasi versachlicht und funktionalisiert wahrnehme. Ich bin “gar nicht mehr richtig da“!

fotoIm Glauben gibt es das Bilderverbot. Nicht, weil Gott nicht dargestellt werden möchte, sondern weil er nicht festgelegt werden möchte. Ähnlich ist es bei Menschen. Habe ich mir ein bestimmtes Bild von einem Menschen gemacht, dann distanziere ich ihn gleichzeitig durch diese Schublade von mir. Ich erwarte schon bestimmte Antworten, rechne mit Reaktionen. “Achja, typisch!” Solche Bilder zerstören Beziehungen, ziehen uns aus der unmittelbaren Gegenwart und verunmöglichen so echte Begegnung. Wie fatal, wenn das mit Gott passiert. Ein Bild hat Gott dennoch zugelassen. Seinen Sohn Jesus Christus. Er ist das perfekte Bild des Vaters. Wer ihn sieht, sieht den Vater.

So gilt für das eigene Leben, Mitmenschen und auch Gott: Wie nebenher und ganz spielerisch dankbar Fotos machen – kein Problem! Wenn dieses Bildermachen und die Bilder selbst sich in den Mittelpunkt rücken, dann: Warnung! Weg mit den Bildern und zurück in die Unmittelbarkeit! Hier spielt das Leben!